Lass die Männer tanzen

Die Fräuleinwunder der Pfingstfeiertage:  Marina and the Diamonds, Beach House und Grimes
Zu zahlreichen interessanten Konzerten ist es am Pfingstwochenende in Berlin gekommen; unter anderem waren am Freitag und Sonntag drei herausragende Vertreterinnen des zeitgenössischen Mädchenpop zu erleben: Marina and the Diamonds, Beach House und Grimes. Ein schöner Anlass für einen Rundgang über die Mädchenpopbühnen! Entgegen der verbreiteten Meinung, dass die Stadt sich an Pfingsten komplett entleert, herrschte überall großer Publikumsandrang; am größten war er  am Freitag bei Grimes  sowie am Sonntag bei Beach House in der Volksbühne.
Trostmusik unter Sternen
Auf dem Platz vor dem Theater wimmelt es am frühen Sonntagbend jedenfalls vor jungen Leuten, die Pappschilder hochhalten: „Suche Ticket“! Man sieht bittende Männer und bittende Mädchen; die Männer haben den Wunsch mit schlichter Eddingschrift formuliert; die Mädchen haben noch Blumen und Herzen dazu gemalt. Doch das ist nicht der einzige Unterschied. Anders als die Mädchen, blicken die Männer beim Pappenhochhalten verschämt zu Boden. Auch tragen sie  keine bunten Kleider, sondern graue Karottenhosen mit Hochwasser und sehr kleine Halbschuhe; so dass man fürchtet, dass sie beim nächsten Windstoß umkippen könnten.
Gegen zehn Uhr betreten dann Beach House die Bühne und beginnen mit großer Lautstärke, ihre lieblichen Lieder zu singen. Ihr erstes Berlin-Konzert liegt knapp fünf Jahre zurück, es war – darum erinnert man sich daran sentimental – das allerletzte Konzert im Bastard Club an der Kastanienallee, bevor dieser der Gentrifizierung zum Opfer fiel. Damals spielten Beach House noch einen verhallten Verwaschenheitspop; als eine der ersten  Bands pflegten sie jene Ästhetik, die man heute als  Chill Wave oder Dream Pop bezeichnet.  Vom Verwaschenen haben sie sich verabschiedet, vom Lulligen nicht. Bloß ist Letzteres zu radiotauglichen Hymnen aufgepumpt worden, die die Sängerin Victoria Legrande in der Volksbühne nun unter funkelnden Sternenhimmeln darbietet – Kuschelmusik für den schüchternen Mittzwanziger-Hipster, der sich nach Trost und Fürsorge sehnt.
Bumsbeats und Divengesang
Wir fahren also weiter ins Astra Kulturhaus, wo gerade Marina and the Diamonds  mit ihrem Auftritt begonnen haben. Deren Sängerin Marina Diamandis bietet einen interessanten Kontrast: Wo Beach House zugleich avantgardistich und sanft wirken wollen,  pflegt Diamandis die traditionellere Aura des aufgeregt Experimentellen. Unablässig changiert sie mit ihrer Stimme zwischen voluminösem Ariengesang und kalkuliert dünnem Gekiekse; dazu gibt es allerdings eher mäßig avantgardistische Elektrobeats zu hören. Auf ihrem neuen Album „Electra Hearts“ wirkt diese Kluft zwischen stimmlicher Pose und banalem Radiopop störend.  Im Konzert ist es nicht so schlimm:  Nach dem trägen Tempo in der Volksbühne findet man Bumsbeats zu Divengesang notwendig belebend. Im taubenblauen Abschlussballkleid stöckelt Diamandis keck zwischen ihren flott musizierenden Mitstreitern umher, was so aussieht, als habe sich Doris Day in einen Auftritt von Lady Gaga verirrt.
Erotik durch Autonomie
Das ist schön anzuhören und anzusehen, aber irgendetwas fehlt. Was ist es bloß? Eine mögliche Antwort auf diese Frage konnte man zwei Tage zuvor im Berghain erhalten, beim Besuch des Konzerts von Grimes.
Auch hier stauen sich vor dem Haus die Menschen, die noch vergeblich nach Karten suchen. Der erstaunliche Hype um die kanadische Sängerin ist dabei erst wenige Wochen alt: Seit Veröffentlichung ihrer dritten Platte „Visions“  im März ist Grimes in atemberaubendem Tempo vom Underground-Phänomen zum Pop-Liebling emporgestiegen.  Ähnlich wie Beach House, hat auch sie ihre Karriere mit diffus verhallten Traumliedern begonnen – nur dass es sich bei den Träumen von Grimes nicht um Kuschel-, sondern eher um Albträume handelte; auf ihren ersten Platten „Geidi Primes“ und „Halfaxa“ verband sie die ältere Gothic-Ästhetik mit der neuesten Do-It-Yourself-Technologie.
Grimes singt und manipuliert zugleich ihre Stimme, baut daraus Beats und musiziert mit sich selber im Chor – auf „Visions“ wird diese Technik noch kunstvoller und farbiger gepflegt als bislang; der Gothic-Mulm ist einer farbigen Vielfalt aus Beats und Stilen gewichen, die vom Japan-Pop bis zum R’n’B reichen. Im Konzert gibt sie zugleich die Diva und die Ingenieurin. Beim Singen, Tastendrücken und Knöpfchendrehen windet Grimes sich gebückt an zwei leicht zu weit auseinander stehenden Geräten; sie trägt eine Pferdeschwanzfrisur mit rasierten Schläfen und dazu ein Netzkleid mit aufgenähtem Korsett und sieht also wie eine schöne, furchteinflößende Gebieterin  aus. Ab dem dritten Stück füllt sich die Bühne denn auch mit unterwürfigen, weitgehend nackten männlichen Tänzern; sie winden sich wimmelnd wie ein erhitzter Wurf Welpen um ihre Herrin herum.
Die Männer tanzen nicht nur zum Gesang von Grimes; sie tanzen auch zu den Schwingungen aus der Echokammer und den fragmentierten, wieder zum Beat zusammengebastelten Samples. Noch der kleinste Klangbrocken, den die Herrin ihnen hinwirft, wird gierig geschnappt und zu einer Choreographie verarbeitet. Wie spontan das alles wirkt! Zugleich aber sitzt jede Bewegung, jede Dominanzgeste, jede lustvolle Unterwerfung der Tänzer unter die Struktur der Musik.
Oder anders gesgt: Bei Grimes kann man sehen und bewundern, was den anderen Künstlerinnen des Pfingstfestes fehlt: eine vollendete künstlerische Autonomie; und eine Erotik, die sich eben nicht aus der ironischen oder sonstwie gebrochenen Aneignung überkommener weiblicher Rollenmodelle speist, sondern aus der kompletten Kontrolle über die eigene Musik, den eigenen Körper, das Selbst und die Anderen.
Im Berghain trug niemand zu kleine Halbschuhe, auch vor Windstößen musste man sich nicht sonderlich fürchten. Vor Grimes, dieser unfassbaren Frau, sind die Verehrer und  Verehrerinnen gleichwohl reihenweise zu Füßen gefallen.

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Ein Gedanke zu “Lass die Männer tanzen

  1. sehr geehrter! jens balzer,
    ihre beobachtung von grimes im berghain ähnelt meiner nicht allzu. eher als ´herrin´ und ´gebieterin´ sah ich auf der bühne eine kecke göre mit ihren montrealer kumpels. oberkörperfrei wegs deren idee (laut grimes twitter):
    ´germany has some of the best venues ever. i really like playing in abandoned nazi bunkers and giant gay warehouses´. ´gay´ war´s zum konzert so wenig wie das berghain ein ´warehouse´ ist, aber doch süss sich sitten und gebräuchen der einheimischen anschliessen zu wollen.
    ihr rezensions-thema der ´unterwerfung´ greift finde ich in die falsche hosentasche. madame war in meinen augen eine spiegelung auf gefühlter augenhöhe. mit freier einladung sich in der eigenen körperlichkeit auszutesten, neu zu erfinden, in frischer lebenslust von innen nach aussen zu schleudern. wie die konzertbesucher, zumindest in meiner ecke, es denn auch taten. ein gemeinsames vergnügen, auch mit ihnen (unbekannterweise), jens balzer. ich mag ihren blick auf die musik, die in und um uns spielt, trotz nicht ´zu-füssen-fallens´ meinerseits danke für ihre gedanken.