GEMA will illegale Clubs fördern

Heute zunächst: eine wichtige Korrektur! In der vergangenen Woche war  an dieser Stelle die Rede von einer legendären britischen Northern-Soul-aber-auch-Mod-Rock-und-Celtic-Folk-Gruppe, die im kommenden Monat nach 27 Jahren erstmals wieder ein – wie man an dieser Stelle vielleicht schon verraten darf – hervorragendes Album herausbringen wird; diese Gruppe wurde von mir als „Dexy’s Midnight Runners“ bezeichnet. Daran ist  eigentlich alles falsch. Das „Midnight Runners“ wurde inzwischen gestrichen; zu dem letzten noch verbliebenen Wort im  Gruppennamen erhalte ich zudem folgende Zuschrift von einem Leser aus Berlin-Wilmersdorf:  „Lieber Herr Balzer, Dexys schreibt sich  – ob mit oder ohne Midnight Runners – auf jeden Fall immer ohne ’. Es ist das Kosewort für Dextromethorphan, was man seinerzeit in Northern-Soul- und Mod-Kreisen ganz gerne geschluckt hat. Mit freundlichen Grüßen, Ihr treuer Leser Herr Zabel.“
Schön, dass das geklärt werden konnte! Weiterhin unklar ist unterdessen die Zukunft der Berliner Clubszene. Bereits verschiedentlich hatten wir darüber berichtet, dass das Finanzamt bei diversen Clubs erhebliche Steuernachzahlungen fordert, weil die dort abgehaltenen Veranstaltungen von ihm neuerdings nicht mehr als kulturell wertvolle Konzerte eingestuft werden (7 Prozent Umsatzsteuer), sondern als kulturell nicht so wertvolle Clubveranstaltungen (19 Prozent Umsatzsteuer). Bei einem Treffen mit Clubbetreibern im Januar hatte der Berliner Senatssprecher Richard Meng angekündigt, sich dieses Problems umgehend anzunehmen und die Rechtsunsicherheit zu beheben. Raten Sie, was der Senat seither unternommen hat. Richtig : nichts.
Damit aber nicht genug. Ergänzend hat  sich das Rechteverwertungsunternehmen GEMA – dem jeder, der irgendwo von irgendwem irgendeine Schallplatte vor zahlendem Publikum auflegen lässt, sogleich einen ordentlichen Zwangszins zu überweisen hat –  eine neue Gebührenordnung ausgedacht, die am 1. Januar 2013 in Kraft treten soll; nach Auskunft der zuständigen Gebührenordnungserfinder möchte diese mehr Gerechtigkeit ins Gebührenwesen bringen. „Gerechtigkeit“ nach Auffassung der GEMA bedeutet: Kleine Clubs mit kurzen Veranstaltungen, die am späten Nachmittag oder frühen Abend stattfinden, zahlen in Zukunft weniger Gebühren; große Clubs mit langen Veranstaltungen, die auch noch spät in der Nacht stattfinden, zahlen in Zukunft erheblich höhere Gebühren. Für Clubs wie das Berghain oder das Watergate dürfte sich nach vorläufigen Schätzungen der zu entrichtende Betrag um 1000 bis 1400 (in Worten: eintausend bis eintausendvierhundert) Prozent erhöhen. Könnte also gut passieren, dass uns – dank GEMA! – ab dem kommenden Jahr in Berlin wieder eine  Gründungswelle illegaler Clubs bevorsteht. Eine Online-Petition gegen die neuen Gebühren hat bisher knapp 100.000 Unterzeichner gefunden; man findet sie unter folgender Adresse:  openpetition.de/petition/ online/gegen-die-tarifreform-2013-gema-verliert-augenmass.
Auch illegale Clubs haben natürlich ihre Schattenseiten, wie wir einer Zuschrift des – rundum legalen und in dieser Zeitung schon verschiedentlich gepriesenen – NK Clubs in der Neuköllner Elsenstraße entnehmen. Dort widmete man sich bislang vor allem der Klangkunst und elektroakustischen Avantgarde. Nun aber müssen die Konzerte bis auf weiteres eingestellt werden, wie die NK-Betreiber mitteilen:  „In der Etage unter uns sind Leute eingezogen, die Techno Partys feiern und ihre Miete nicht zahlen. Deswegen hat die Hausverwaltung auf dem Gelände Sicherheitskräfte mit scharfen Hunden postiert, die niemanden herein oder hinauslassen und den Auftrag haben, beim geringsten Geräusch sofort die Polizei zu rufen. Weil sie nicht in der Lage sind, zwischen Geräuschen aus unserer und den anderen Etagen zu unterscheiden, können wir während der Sommermonate keine Konzerte veranstalten.“ Der für den heutigen Mittwoch, 30. Mai, angekündigte Auftritt des hervorragenden Schweizer Drone-Doom-Trios Sum of R findet ersatzweise im Raum in der Ziegrastraße 15 statt. Beginn: 21 Uhr.

 

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