Gotteslob und Gurken

Heute feiert der weltweit berühmte Männerchorsänger und  Avantgarde-Pop-Komponist, Beach-Boys-Mitbegründer und Gemüseorchesterdirigent  Brian Wilson seinen 70. Geburtstag

Er war der bedeutendste Männerchorsänger der Sechzigerjahre; dann verrann er sich zirka vierzig Jahre lang in den Gedanken, mit Hilfe von Küchen- und Haushaltsgeräten, mit Glöckchen und Feuerwehrsirenen sowie zum Klingen gebrachten Avocados und Gurken eine „Teenager-Symphonie für den lieben Gott“ aufzunehmen. Mit dem Rest seines Männerchors, den er zu Glöckchen und Gurkengeräuschen das liebliche Gotteslob singen zu lassen gedachte, entzweite Brian Wilson sich über diesem Projekt: „Ich versteh das nicht“, hatte etwa sein Chorfreund Mike Love gesagt, „und wenn ich es nicht verstehe, dann singe ich es nicht.“

So trennte Brian Wilson sich von den Beach Boys, mit denen er in Kalifornien seit Anfang der Sechzigerjahre  so viele sogleich unsterblich gewordene, Gott, Sonne und Strand preisende Teenager-Kurz-Symphonien aufgenommen hatte: zum Beispiel „Surfin USA“ und  „California Girls“, „Sloop John B“ und „God Only Knows“. In den folgenden Jahrzehnten setzte er seine Karriere stattdessen als Solokünstler fort – sofern er nicht gerade in Lysergsäurediethylamid-induzierter Umnachtung versank, auf einer Konzertbühne vor gespannt wartenden Hörern geistesabwesend auf sein Piano guckte oder die Tage mit der 24-Stunden-Therapie seines hawaiianischen Psychotherapeuten Dr. Eugene Landy ausfüllte.

„Probier’s mal mit Gemütlichkeit“: Das ist einer der Höhepunkte auf dem bislang letzten Soloalbum, das Brian Wilson 2011 vorgelegt hat. Darauf finden sich dreizehn längst unsterblich gewordene Teenager-Kurz-Symphonien aus den Zeichentrickfilmen des Disney-Konzerns in neuen musikalischen Interpretationen; so wollte Wilson nach eigener Auskunft seine geistige Verbundenheit mit dem anderen großen kalifornischen Kulturstifter, Walt Disney, beweisen. Und das in moderner Form: Das von dem Bären Balu in dem Film „Das Dschungelbuch“ intonierte,  im Original „The Bare Necessities“ benannte Lob der Gemütlichkeit singt Brian Wilson etwa zu einem flott dahingeklöppelten Duell zweier Marimbaspieler.

Einer der beiden Duellanten an den Marimbas ist Darian Shanaja, jener junge Arrangeur, mit dessen Hilfe Wilson vor zehn Jahren seine „Teenage Symphony to God“ namens  „Smile“ doch noch fertigzu- stellen vermochte. Ein einziges Mal haben sie das Werk in Deutschland auf die Bühne gebracht, 2004 in der Alten Oper in Frankfurt am Main: Die Ehrfurcht und die Andacht, die Erhabenheit und die Tragik, die man als Hörer an diesem Abend verspürte, reicht für ein ganzes Leben.

In den Originalaufnahmen  hört man übrigens Paul McCartney, wie er durch lautes Karottenkauen einen Rhythmus erzeugt! Zwei Tage nach ihm und  bei hoffentlich bester Gesundheit begeht Brian Wilson heute seinen 70. Geburtstag.

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