Folter, Blut, Vergewaltigung: Madonna in der Mehrzweckhalle

Ding Dong! Madonna ist wieder da! Zu kräftigem Kirchengeläut kommt am späten Donnerstagabend die weiterhin amtierende Königin des Pop zu ihrem ersten Deutschlandkonzert in die Mehrzweckhalle am Berliner Ostbahnhof. In einem mannshohen Gefäß wird hierzu Weihrauch versprüht, drei tibetanisch behelmte Buddhistendarsteller blasen Brummtöne aus kleinen Flöten,  während eine Rotte rot berobter Mönche an zwei sehr langen Seilen eifrig die Glocken schlägt. Mit einem Schnellfeuergewehr verschießt Madonna dazu – zunächst noch im Nonnengewand – knicker-di-knacker heitere Salven in die erheiterte Menge. Von den Seiten gesellen sich auf allen Vieren zwei halbnackte Kerle mit Teufelsgeweihen hinzu, während die bimmelnden Mönche beim Ton des ersten Madonnalieds „Girl Gone Wild“ sogleich ihre roten Roben abstreifen, um darunter stramm schillernde Brustmuskulaturen zu enthüllen und demütig zum Beat der Königin zu tanzen.

Man sieht schon, dass der Abend recht gut beginnt. Und so geht er auch weiter: Im Verlauf der folgenden zwei Stunden bekommt man ein gleichermaßen unterhaltsames wie zum Nachdenken anregendes Konzert geboten; ein Konzert, das  nicht nur die Madonna-typischen Themen Metaphysik, Sex und Gesellschaftstanz in rundum kurzweiliger Art variiert, sondern der zudem in bislang eher Madonna-untypischer Weise durch eine kompetent inszenierte Kaputtheit zu gefallen weiß. Ich möchte fast sagen: So destruktiv, deprimierend und rundum aussichtslos nihilistisch habe ich lange kein Blockbuster-Konzert mehr erlebt. Und das liegt nicht nur am Sound in der Mehrzweckhalle, der mit seinen schrill sägenden Höhen und ungesund untenrum bumpenden Bässen wie meist ohren- und wohlgefühlfeindlich erscheint.

Nein, die Erzeugung von Unbehagen folgt hier einem klar kalkulierten Konzept. Besonders in der ersten Hälfte des Auftritts wird unentwegt irgendjemand gequält, gefoltert, gedemütigt und erschossen. Zu „Girl Gone Wild“ muss Madonna sich von ihren Tänzern ruppig herumschubsen lassen, bis man sie am Ende leblos über den Boden schleift. Zu dem zweiten Stück „Revolver“ hüpft sie dafür mit einem Rudel bewaffneter Kämpferinnen über die zackig ins Publikum ragende Bühne und fuchtelt mit Schusswaffen herum. Zu dem dritten Stück „Gang Bang“ wird eine Guckkastenbühne mit einem billigen Motel-Zimmer heruntergelassen, auf dessen Bett Madonna sich räkelt. Gelegentlich schauen Männer mit gestrickten Gesichtsmasken vorbei, um sie zu vergewaltigen; bevor es dazu kommt, werden die Männer jedoch von Madonna mit einem Schuss ins Gesicht getötet. Auf den großen Videoleinwänden über der Bühne sieht man dazu schön blutig das zerschossene Männerhirn spritzen.

Das ist grob. Und ähnlich grob geht Madonna  im weiteren auch mit ihren alten Hitparadenerfolgen um: Viele von diesen werden in planvoll lieblosen Medleys zu sekundenlangen Leitmotivfitzeln zerschreddert, andere – wie „Hung Up“ – mit soviel entfremdendem Autotune-Effekt auf der Stimme gespielt, dass sie jegliche Lebendigkeit verlieren. „Justify My Love“ endet als Videoeinspielung eines zeitgemäß diabolischen Witch-House-Remixes mit halbiertem Tempo und heruntergepitchtem Gesang.  „Papa Don’t Preach“ singt Madonna zunächst kurzatmig im Liegen; sogleich robben die eben noch mit Roben bekleideten Mönche mit Ziegenbockmasken und in Camouflage-Bekleidung heran, um sie zu bedrängen und dann wie eine Leiche davonzutragen.
Es dauert nicht lange an diesem Abend, bis man sich um Madonna Sorgen zu machen beginnt. Geht es ihr gut? Oder ist diese Inszenierung ein Hilfeschrei? Muss sie das Trauma des Älterwerdens verarbeiten? Oder nutzt sie die gewonnene Reife, um sich nunmehr ein wenig Spaß an unreifen Gewaltexzessen zu gönnen? Immerhin: In der zweiten Hälfte des Konzerts ist sie auch in Kostümen und Rollen zu sehen, die man von ihr bereits und besser kennt. „Vogue“ bietet sie in dem berühmten, leicht variierten Exo-Titten-Skelett Jean-Paul Gaultiers dar. „Express Yourself“ singt und tanzt sie als Funkenmariechen mit einer Karnevalsgruppe; dazu werden auf der Videoleinwand Fünfzigerjahre-Heile-Welt-Reklamen gezeigt.

Doch so dominant ist der Eindruck des Unbehagens und Schreckens, dass selbst solche arglosen Bilder nur wie der dünne Firniss über einem unsagbaren Grauen erscheinen. Auch aus dem heiteren Spiel mit der sadomasochistischen Ästhetik, wie es die klassische Schaffensphase Madonnas von Ende der Achtziger- bis Mitte der Neunzigerjahre, von „Like A Prayer“ bis „Ray of Light“, prägte, ist eine faszinierend freudlose Inszenierung von Folterbildern geworden. Immer noch wird gern gefesselt und in Ketten gelegt. Aber hinter den Bildern wähnt man nicht mehr „Eyes Wide Shut“ oder „Venus im Pelz“, sondern Guantanamo Bay; zu den wiederkehrenden Inszenierungsmotiven zählt ein Militärlager, in dem apfelsinenfarben bekleidete Männer auf den hüfthoch gespannten Drähten eines Nahkampftrainingsfelds tanzen.

Im dreißigsten Jahr ihrer Karriere wendet sich Madonna mit der Botschaft an uns, dass nicht aller Schmerz in Erotik aufgeht und die Welt in der Regel schlecht und beängstigend ist: Vielleicht könnte man sagen, dass sie damit in ihre realistische Werkphase eingetreten ist. Der berührendste Moment an diesem Abend gelingt ihr in „Like A Virgin“, das sie als langsamen Walzer zu Klavierbegleitung darbietet. Beim Singen entledigt sie sich langsam des Oberhemds, um darunter einen schwarzen Spitzen-BH zu enthüllen und auf dem Rücken den Schriftzug „No Fear“. Von hinten nähert sich nun wieder ein Tänzer – doch will er sie diesmal nicht bedrängen, sondern mit einem Korsett bekleiden. Die Nacktheit der Sängerin, die man eben noch als selbstverständlich ansah, wird so plötzlich zur Blöße, die es zu bedecken gilt. Ein marginaler Einfall nur, eine winzige Geste – und doch das schönste Bild für die Grenzen der Macht, die auch eine Königin des Pop nie zu überschreiten vermag; und für die Verletzlichkeit, die sie in ihren größten Momenten mit uns kleinen Menschen verbindet.

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