Michael Chapman spielt im Festsaal Kreuzberg

Die Melancholie hat seine Musik seit je her geprägt. Schon auf den ersten Songs, die er Mitte der Sechzigerjahre komponierte, stellte Michael Chapman  sich als weitgereister, weltmüder Wanderer vor, der auf ein langes Leben zurückblicken kann, auf Liebe, Leid, Glück und Verlust.  In seinen schönsten Stücken „Postcards from Scarborough“ und „Kodak Ghosts“, 1970 auf der Platte „Fully Qualified Survivor“ erschienen, erinnerte er sich an verflossene Freundschaften, verpasste Chancen und verlorene Paradiese – wie ein alter Mann, der vergilbte Fotografien betrachtet.

Doch war die Melancholie stets nur eine Seite dieser Musik: So lebenssatt gelassen und langsam ausschwingend sein Gesang auch wirkte, so flink und vital huschten dazu die Finger über das Griffbrett; Michael Chapman ist nämlich auch einer der besten und gewieftesten Gitarristen, den die Epoche des britischen Folk-Revivals hervorgebracht hat, gleich ob auf dem akustischen oder – seit Mitte der Siebzigerjahre – elektrischen Instrument.

Aus Yorkshire kommend, begann er seine Karriere Mitte der Sechzigerjahre in den Londoner Folk-Clubs. Doch standen die Folk-Einflüsse bei Chapman von vornherein gleichberechtigt neben der Orientierung an Blues und Jazz. In die stilistisch damals höchst offene Stimmung passte er mithin perfekt: So wie etwa die Incredible String Band britische und amerikanische, aber auch östliche Traditionen miteinander verband, so wie John Martyn und Roy Harper in ihrem Gitarrenspiel klassisches Fingerpicking mit indischem Raga befreundeten – so mischte auch Chapman auf seinem Debüt „Rainmaker“ (1969) oder dann auf „Fully Qualified Survivor“ westliche und östliche Stile und sang dazu mit kunstvoll extemporierender Stimme.

Fast vierzig Platten hat er seither veröffentlicht, zunächst auf dem EMI-Avantgarde-Label Harvest, seit den späten Siebzigerjahren aber zunehmend in Eigen-Regie. Aus dem Blickfeld der breiten Pop-Öffentlichkeit verschwand er in den Achtzigerjahren – bis ihm jüngere Verehrer im letzten Jahrzehnt zu einem Comeback verhalten: wie etwa Jack Rose und die No Neck Blues Band oder der Sonic-Youth-Gitarrist Thurston Moore, auf dessen  Ecstatic-Peace-Label Chapman im Jahr 2011  das Album „The Resurrection and Revenge of the Clayton Peacock“ veröffentlichte.

Darauf gibt es zwar keinen Gesang zu hören, aber zwei zauberhafte zwanzigminütige Suiten aus zärtlichem Fingergepicke und sacht sich darunter umschlingenden Gitarrenfeedbacks; manchmal werden auch Klangschalen zum Schwingen  gebracht oder ein afrikanisches Daumenklavier zum Klappern. In der sonderbaren Mischung aus Abstraktheit und Süße erinnert das an John Fahey (auf dessen Song „The Death of the Clayton Peacock“ der Albumtitel anspielt). Auch in seiner spät begonnenen Zweitkarriere als Noise-interessierter Improv-Gitarrist  gelingt Chapman jedenfalls ein charismatischer, gleichermaßen virtuoser wie gefühlvoller  Ton. Überaus groß ist daher die Freude, dass er heute Abend zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wieder einmal in Berlin zu erleben ist.

Michael Chapman + Wooden Shjips: Freitag, 29. 6., 22 Uhr, Festsaal Kreuzberg.

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