Aus dem geheimen Garten

41 Jahre lang war er verschwunden. Nun gibt es ein neues Album des großen Songwriters Bill Fay

Am liebsten hätte er sein Leben als Gemüse in einem gepflegten britischen Beet zugebracht: „Ich pflanze mich selbst in den Garten“, sang Bill Fay 1970 im „Garden Song“, „zwischen die Kartoffeln und die Petersilie, und ich warte darauf, dass mich der Regen erquickt und der Frost meine Seele erweckt; und ich möchte eine dauerhafte Beziehung mit einer Blattlaus, einer Spinne oder einer Made eingehen.“

Es war die Hochzeit des britischen Folk-Revivals und der grassierenden Zivilisationsmüdigkeit: Man beschwor die ältesten Liedtraditionen und die Einfachheit des ländlichen Lebens. Viele Musikanten strebten damals aufs Land; Donovan brach auf die Isle of Skye auf, um dort eine Kommune zu gründen; selbst Paul McCartney ließ sich auf seiner LP „Ram“ als Naturbursche bei der Schafschur ablichten.

Unter allen Naturfreunden jener Jahre jedoch ist Bill Fay der entschiedenste gewesen: Er wollte wirklich am liebsten eins werden mit der Erde und dem Mutterboden. Gegen die Hektik der modernen Welt besang er die Langsamkeit, mit der Wurzeln im Grund sich entwickeln und wachsen. Auf der Rückseite seiner ersten LP „Bill Fay“ sah man ihn auf einer Parkbank sitzen, von gefallenem Laub überdeckt – als habe er dort schon regungslos lange Zeit ausgeharrt, um dem Wechsel der Jahreszeiten ungestört beizuwohnen.

Seinen Plattenvertrag hatte ihm Peter Eden verschafft, der Manager von Donovan. Doch anders als in Donovans heiterer Hippiemusik, waren die Lieder Bill Fays stets auch von apokalyptischen Tönen durchfurcht. Sein zweites Album, „Time of the Last Persecution“ aus dem Jahr 1971, malte die Angst vor dem Atomkrieg in eschatologischen Bildern aus; im Titelstück sieht der Sänger die schwarzen Schiffe des Antichristen am Himmel erscheinen und ruft die Menschen zur Flucht. „Make for your own secret place, and others will join you there“: Im Angesicht des drohenden Weltenbrands sollen die Menschen ihre „geheimen Orte“ aufsuchen – und werden dort ihre Geschwister im Geiste antreffen.
So ist es bei Bill Fay immer gewesen: Noch die Angst vor der Apokalypse barg ein utopisches Versprechen bei ihm – dass wir wenigstens am Tag des Jüngsten Gerichts unsere Vereinzelung und Isolation überwinden. Mit zärtlich barmender, manchmal auch wimmernder Stimme rief er alle Menschen, die guten Willens sind, zur heiligen Gemeinde der letzten Tage zusammen: in predigenden, aber nie pathetischen Songs; opulent orchestriert, aber nie überwältigend.

„Time of the Last Persecution“ ist ein epochales Werk, eine Sternstunde der britischen Folk-Musik und des Pop überhaupt. Nur leider wollte es damals niemand hören. Niemand kaufte die Platten Bill Fays; keine Zeitung, kein Musikmagazin erwähnte sie. So verlor er nach „Time of the Last Persecution“ seinen Vertrag – und verschwand tatsächlich, wie von ihm selbst prophezeit, auf Jahrzehnte hinweg wie eine Wurzel im Grund.

Er arbeitete am Fließband in einer Fabrik, als Parkwächter und Gärtner, bis er – inzwischen ist er fast 70 Jahre alt – in den verdienten Ruhestand ging. In seiner Freizeit musizierte Fay zwar immer noch weiter, meist allein, manchmal mit Mitgliedern seines alten Ensembles. Doch ein Ende der Siebziger fast fertiggestelltes Album namens „Tomorrow, Tomorrow and Tomorrow“ gelangte, wie er sagt, nicht mal in die Nähe eines Plattenvertrags.

Erst zwanzig Jahre später wurden die ersten beiden Alben von Fay bei einem kleinen Label neu aufgelegt; daraufhin stießen ein paar Hörer und Musiker wieder auf seine Musik. Wilco-Sänger Jeff Tweedy coverte das Lied „Be Not Fearful“. David Tibet von Current 93 brachte auf seinem Durtro-Label 2005 die „Tomorrow, Tomorrow and Tomorrow“-Fragmente heraus. Und dann hat es noch einmal sieben Jahre gedauert, bis ein junger Produzent namens Joshua Henry eine Band für ihn zusammenstellte und Bill Fay für zwölf neue Lieder ins Studio holte.

„Life Is People“ heißt die Platte, und sie ist ein Geschenk: altersweise und melancholisch, aber nie bitter; immer noch vom apokalyptischen Ton des Frühwerks geprägt, aber – in Songs wie „The Healing Day“ – auch von Menschenliebe und Zuversicht.
41 Jahre lang hat Bill Fay kein Album mehr aufgenommen. Aber man glaubt es beim Hören in keinem Moment, so grandios sind die neuen Stücke; so kunstvoll greift diese Musik an das Herz, und das mit manchmal so geringen Mitteln. „Big Painter“, ein nachtdunkles Lamento über den Zustand der Welt, braucht nur einen glimmenden Gitarren-Drone als Untermalung. „Cosmic Concerto (Life Is People)“ schwingt sich hingegen mit Streichern, Chor und Gitarren zum schwelgenden Lobpreis der Schöpfung empor.

Es habe Jahrzehnte gedauert, sagt Bill Fay, bis er bemerkte, dass überhaupt irgendwer sich da draußen noch für seine Musik interessiert; und er fasse immer noch nicht, dass er nach all dieser Zeit eine neue Platte aufnehmen konnte. Mit der materiellen Welt hat er abgeschlossen: Alle Einnahmen aus dem neuen Werk spendet er an „Ärzte ohne Grenzen“. „Be at Peace with Yourself“ heißt eins von seinen neuen, zärtlichen, tröstenden Liedern. Bill Fay klingt wie jemand, der seinen Frieden gefunden hat.
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Bill Fay: Life Is People (Dead Oceans/Cargo)

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