Ein Festival im gefährlichsten Viertel der Stadt

Erinnert sich noch jemand an das letzte Ukulelenrevival? Es hob um das Jahr 2009 herum an und dauerte bis zirka 2010. Ein paar Monate lang kam jeder junge postironische Popdebütant nicht nur mit Kajalstift und Kastenbart auf die Bühne, sondern auch mit Ukulele. Die fabelhafte Extremgniedlerin Kaki King brach den Ukulelentemporekord, eine hawaiianische Ukulelenversion von „Somewhere Over the Rainbow“ von einem seit mehr als zehn Jahren verstorbenen Sänger mit einem unaussprechlichen Namen wurde zum meistverkauften Song auf der Welt, Eddie Vedder entwickelte auf „Ukulele Songs“ die völlig neuartige Vision eines verschwitzten Ukulelenschwanzrocks.

Unser Lieblingsukulelist in jenem kurzen Sommer der Ukulele war jedoch Dent May, ein zirka ein Meter 65 großer Kassenbrillen- und Betonscheitelträger aus Oxford in Mississippi. Sein erstes Berlin-Konzert im April 2009 im Westgermany wurde in dieser Zeitung als „herzzerreißend, virtuos und irre“ bejubelt, und zwar von mir. Weiter schrieb ich: „Wildfremde Menschen begannen im Westgermany miteinander zu schunkeln und warfen fassungslos jubelnd ihre Körper gegeneinander.“ Im Konzert wie auf seinem wenig später veröffentlichten Debütalbum „The Good Feeling Music of Dent May & His Magnificent Ukulele“ verband er heiter herunter geschredderte Ukulelenriffs mit dem schönsten Doowop-Crooning, das man sich wünschen kann. Falls Sie Ukulelenanhänger sind: Kaufen Sie sich diese Platte! Auch heute noch!

Denn von der neuen Dent-May-Platte „Do Things“ (die wie schon das Debüt beim Animal-Collective-Label Paw Tracks erschienen ist) darf man in dieser Hinsicht durchaus enttäuscht sein. Es gibt auf ihr nämlich keine Ukulelen zu hören, vielmehr wird nun zu käsigen Keyboardmelodien und klickernden Handklatschgeräuschen gecroont und geknödelt. Die Doowop-Anleihen der letzten Platte sind durch Disco ersetzt, auf „Don’t Wait Too Long“ gibt es einen knurztrocken knucker-di-knucker-machenden Bernard-Edwards-Funk-Bass zu hören.

Das ist alles nicht unhübsch erdacht und lädt in seiner sonnigen Feier der besten Freundschaft („Best Friends“) und des bedenkenlosen Spaßhabens („Fun“) auch zum Schubbern und Mitschunkeln ein. Doch wird die einst angenehm ungebrochene Archaik von den eklektischen Soundspielereien eher entstellt als entwickelt; oder anders gesagt: Ohne Ukulele wirkt die ostentative Entspanntheit der Dent-May‘-schen Musik plötzlich ein wenig artifiziell und verspannt.

Was nicht heißt, dass er auf der Bühne nicht immer noch eine hervorragende Figur abgeben könnte: Zu überprüfen ist das am kommenden Sonnabend (1.9.) beim Torstraßenfestival in der Torstraße im Berliner Bezirk Mitte; also dort, wo, wie ich den täglichen Schreckensstatistiken der Berliner Zeitung entnehme, nicht nur die höchsten Mietpreise der Stadt erhoben werden, sondern auch die meisten Einbruchsdiebstähle zu beklagen sind, weswegen sich die Bewohner von Mitte nur äußerst selten aus ihren ausgesprochen überteuerten Mietwohnungen wagen. Ob das Torstraßenfestival daran etwas ändert? Oder ob die Besucher in letzter Minute doch wieder in Shuttlebussen aus Neukölln, Wedding und Dänemark herankutschiert werden müssen?

Das Festival, das unter anderem im Grünen Salon, Schokoladen, Kaffee Burger und dem Digital-Natives-Mitmachmuseum Sankt Oberholz abgehalten wird, beginnt um 14 Uhr. Das komplette Programm finden Sie unter www.torstrassenfestival.de; neben Dent May sind etwa noch Touchy Mob, Kool Thing und Masha Qrella zu sehen.

Wem Ort und Musik hier zu hipstermäßig erscheinen, der kann zeitgleich aber auch zur unhipsten Veranstaltung des Jahres gehen: Im Rahmen der Internationalen Funkausstellung in Charlottenburg geben sich die „Neuen Deutschpoeten“ ein Stelldichein. Hier ist zum Beispiel Max Herre zu sehen, der gerade ein neues Album mit dem Titel „Hallo Welt!“ herausgebracht hat. Mittelmäßige Sprechgesangsfähigkeiten werden darauf wie üblich mit wichtigtuerisch aufgeplusterter Anspruchslyrik vermischt; mein Anspieltipp: der unfassbar beknackte Klippschulreggae „Yvonne“. Außerdem in Charlottenburg dabei: Tim Bendzko mit seinem pseudosoulig gewimmerten Selbstfindungspop und der Peter Maffay der nächsten Generation, Thees Uhlmann, mit seiner „Ich bin eine ehrliche Haut aus dem Norden“-Show. Falls Sie diese Veranstaltung besuchen wollen: Beginn ist ebenfalls um 14 Uhr.

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