Geboren um zu kleben

„Dankeschön!“ – „Bitteschön!“ – Unheilig gaben in der Wuhlheide ein ausgesprochen höfliches Konzert

Zu einem der größten und bestbesuchten Musikereignisse der laufenden Saison ist es am Sonnabend im Bezirk Köpenick gekommen; in der Freilichtbühne Wuhlheide gab der aus Aachen stammende Sänger und Komponist Der Graf mit seinem Quartett Unheilig vor 17000 begeisterten Hörern das erste von zwei ausverkauften Berliner Konzerten.

Aus dem Untergrund der Gothic-Rock-Szene ist Der Graf vor etwas mehr als zwei Jahren mit seinem millionenfach verkauften Album „Große Freiheit“ und dem dazugehörigen Trauerbewältigungs-Hit „Geboren um zu leben“ überraschend in das Gefilde der beliebtesten deutschen Liedersänger aufgestiegen. Bis dahin wurden seine Konzerte vor allem von allein stehenden Schwarzkittelträgern besucht; inzwischen kommen die Unheilig-Besucher vornehmlich im Familienverband, Väter und Söhne, Töchter und Mütter. Den Bekleidungsstil kann man als leger-gemischt bezeichnen, bei den Frauen dominieren die Haarfarben Dunkelpurpur und Schwarz. Rentner über 65 Jahren erhalten ebenso freien Eintritt wie Kinder unter zehn Jahren. Für letztere gibt es zudem ein von den Fachkräften der Leverkusener Agentur Grinsekeks betriebenes „Unheiliges Kinderland“, in welchem Bastel-, Spiel- und Airbrush-Tätowierungs-Angebote gemacht werden. Die Rentner können sich hingegen am „Hear the World“-Stand einem kostenlosen Hörtest unterziehen, denn Der Graf unterstützt die gleichnamige weltweite Initiative, die das Bewusstsein für das Thema Hören fördern will und über die „Konsequenzen von Hörverlust“ informiert.

Eine der wesentlichen Konsequenzen von Hörverlust scheint mir zu sein, dass man nichts mehr hört: wie zum Beispiel unser Fotograf Roland Owsnitzki, der seit Jahrzehnten schon unablässig auf Rock’n’Roll-Konzerten unterwegs ist. Bei ihm kann das am Sonnabend erzielte Ergebnis nur als besorgniserregend bezeichnet werden: Er hört nicht mal das Signal, mit dem der Test beginnt. „Machen Sie sich nichts daraus“, versucht die Hörtest-Assistentin ihn zu trösten, „die Musik von der Bühne ist gerade ja auch sehr laut.“

Nach dem Hörtest kann man am „Hear the World“-Stand noch ein Erinnerungsfoto schießen lassen, bei dem man – das ist die Regel – die Hand an das Ohr legen muss. Direkt daneben befindet sich der „Unheiliges % Sonderposten“-Stand, an dem Merchandising-Artikel aus der letzten Saison zu ermäßigten Preisen feilgeboten werden. Das „Geboren um zu leben“-Hemd wurde beispielsweise von 20 auf 12 Euro heruntergesetzt; das zuvor ebenfalls 20 Euro teure „Ferne Welt ich komme“-Motiv ist sogar für nur 5 Euro zu haben. Unter den für die laufende Tour entworfenen Kreationen, die man gegenüber am „Unheiliges Aktuell“-Stand erwerben kann, gefallen mir die Kinder-Kapuzenpullover mit der Aufschrift „Der kleine Graf“ am besten sowie das „Girlie-Hemd Eisenmann“. Als ich in der Auslage schmökere, umringt mich urplötzlich eine Gruppe von offenbar hauptberuflichen Plakatanbringern; auf ihren Hemden sieht man eine gezeichnete Figur mit einem Kleisterpinsel und den Satz „Geboren um zu kleben“.

Zwischen zwei Reihen sehr dicker Altarkerzen und unter einem mild funkelnden Firmament singt Der Graf dann anschließend zwei Stunden lang gefühlvolle Lieder, die vornehmlich dem Repertoire seiner letzten beiden Platten „Große Freiheit“ und „Lichter der Stadt“ entstammen. Vor Beginn des Konzerts und zwischen den Songs werden links und rechts von der Bühne kleine Videoclips eingespielt. Darin flaniert Der Graf mit einem Notizbuch in der Hand durch eine Stadt, in deren Mitte sich ein großer Fluss befindet, und schreibt sich immer mal wieder etwas auf. Ganz am Anfang notiert er beispielsweise den Satz „Hallo Berlin!“ in sein Buch, woraufhin seine Hörer höflich „Hallo Graf!“ rufen.
Überhaupt kann der allgemeine Umgang zwischen Star und Publikum nur als zuvorkommend bezeichnet werden: Wenn Der Graf sich bei seinen Verehrern dafür bedankt, dass sie diesen Abend mit ihm verbringen – „Dankeschön!“ -, antworten sie ihm zu Tausenden aus einer Kehle mit „Bitteschön!“. Wenn der Jubel am größten ist, und er ist oft am größten, greift Der Graf sich verlegen mit der Hand an das Kinn und bewegt den Kopf abrupt hin und her, als wolle er den auf ihn gerichteten Blicken ausweichen oder das Publikum scheu von der Seite ansehen, was sich, wenn man auf dem massenumtosten Steg einer Open-Air-Bühne steht, indes als aussichtslos erweist.

o ist es durchweg: In der Selbstinszenierung des Grafen vermischt sich in erstaunlicher Weise die stadionrocktypische Zeichensprache des Massenaufputschens mit Gesten der Demut und Höflichkeit. Wenn er mit respektvoll geneigter Glatze über den Bühnensteg rennt und dabei mit von unten nach oben hochrudernden Armen die Gesamtstimmung zu steigern versucht, dann befiehlt und gehorcht er in derselben Bewegung. Und das Publikum unterwirft sich ihm glücklich und umschließt ihn zugleich zart, wenn er von Ewigkeit und Sehnsucht, Trost und Trauer singt. Eine Frau neben mir beginnt schon bei dem dritten Stück „Unter deiner Flagge“ zu weinen und hört den Rest des Abends damit nicht mehr auf.

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2 Gedanken zu “Geboren um zu kleben

  1. Das Konzert war wirklich richtig klasse gewesen. Allerdings gab es dort leider zum wiederholten Male eine Sache die einfach abscheulich ist und das ist die inzwischen leider übliche Schweißabwischnummer. Diesmal war es eine Jacke die von einer Frau (kein Teenie!) geworfen wurde und der Graf hat sich damit wie gewünscht an allen möglichen und unmöglichen Stellen den Schweiß abgewischt. Diese Schweißdurchtränkte Jacke wurde dann sogar von dieser „Dame“ danach selbst angezogen. Warum um alles in der Welt macht der Graf diesen ekligen Scheiß immer wieder mit. Das sollte doch eigentlich nicht sein Niveau sein und die meisten anderen Fans sind inzwischen völlig genervt von dieser ekligen Nummer.

  2. Ach! Ist die Nummer üblich bei den Unheilig-Konzerten? Das war mir beim Anblick dieser Szene gar nicht bewusst. Ist Der Graf gar ein Schweißfetischist?