Aktenzeichen XX ungelöst

Keine Sehnsucht, kein Ende, nur Offenheit: The XX stellten im Admiralspalast ihr neues Album „Co-Exist“ vor

Nach einer Stunde, bevor die drei schwach beleuchteten jungen Menschen auf der Bühne den Hauptteil ihres Konzerts beenden, hebt sich im Halbdunkel hinter ihnen endlich der grau geraffelte Vorhang und enthüllt – wie die Auflösung eines Rätsels oder die Antwort auf eine in den vorangegangenen Liedern unablässig von Neuem formulierte Frage – ein gewaltiges plexigläsernes X. Von dicken Kunstnebelschwaden umweht, schwebt der Buchstabe droben nunmehr wie eine Drohung oder ein schützendes Totem über den Musikern und ihren verlöschenden Klängen. Die schwach beleuchteten jungen Menschen drunten im Publikum zücken sogleich zu Hunderten ihre multifunktionalen Mobiltelefone und beginnen das X zu fotografieren und filmen. Wer mithin die Menge von oben betrachtet, sieht in der Dunkelheit Hunderte von winzigen Bildschirmen mit nebligen X-en darauf. XXXXXXXX. Ein schöneres Bild für den Zustand der Welt und der dazugehörigen Jugend hätte kein bildender Künstler, kein Theaterregisseur sich ausdenken können.

Bei dem hochgehängten X handelt es sich um eine Hälfte des Bandnamens der darunter auftretenden Londoner Gruppe The XX; selbige hat am Dienstag im seit Monaten ausverkauften Admiralspalast ihr zweites Album „Co-Exist“ vorgestellt. Auf dem Debüt „The XX“ boten The XX vor drei Jahren einen musikalisch und auch sonstwie minimalistischen Verzweiflungs- und Selbstzweifelpop dar, mit beziehungszerrüttet aneinander vorbeigesunge- nen Duetten und geisterhaft davonschwebenden verhallten Gitarren.

Das ist auch auf „Co-Exist“ nicht anders geworden, nur dass die Musik sogar noch reduzierter erscheint. Im Konzert – jedenfalls in der ersten Hälfte des Abends – mühen sich The XX ergänzend, auch die allerletzten zusammenhang-stiftenden Elemente aus ihrer Musik zu tilgen. Noch die letzten zaghaft klickernden Beat-Elemente werden zerdehnt, gedämpft und gedimmt, bis bloß die fahl über der großen Leere schwebenden Klangwolken von Jamie Smith übrig bleiben, die getupften Gitarrentöne von Romy Croft und das benommene Brummen des Basses von Oliver Sim.

Von allen Gruppenmitgliedern zeigt er den größten Bewegungswillen: In Zeitlupengeschwindigkeit tänzelt Sim mit seinem Gerät über die Bühne und rührt mit dem mal gereckten, mal gesenkten Basshals in der vernebelten Luft herum wie ein Koch in einem Kessel mit dicker Suppe. Auf die Bühnenwand hinter der Band werden derweil Bilder mit schlierig verlaufenden Ölpfütze projiziert, bis das bereits besagte X dort erscheint. Während der Zugaben füllt es sich erst mit Nebel, dann beginnen darin schöne Sterne zu funkeln.

Trotz des extremen Minimalismus – das ist das eigentlich Erstaunliche an dieser Band – zählen The XX zu den meist gefeierten und geliebten Popdebütanten der Gegenwart. Auch das Berliner Publikum kann sich vor Verehrung kaum rühren, wenn Romy Croft etwa am Beginn eines Stücks sehr langsam drei Glockentöne anzupft. Karge Gesten wie diese werden bejubelt wie bei anderen Künstlern eine ganze Show.

The XX pflegen eine Ästhetik der Verknappung und Verdunkelung. Doch sind sie nicht „düster“ im Sinn des älteren Gothic- und Schwarzkittelpop; dazu fehlt ihnen die romantische Todessehnsucht. Der Tod spielt keine Rolle in dieser Musik. Eher handelt sie vom Nicht-sterben-können trotz fortwährend erlahmender Kräfte und einer quälend sich verlangsamenden Zeit; von schwächer werdenden Körpern und Sinnen, denen die Erlösung des Endes doch verwehrt bleibt.

In der zweiten Hälfte des Abends beginnen aus den Songs sich dann plötzlich tanzbare Tracks mit geraden Beats zu entfalten – aber gerade dort, wo die Musik momenthaft gerundet erscheint, bleibt der Auftritt im Ganzen unfertig und skizzenhaft. Man könnte aber auch sagen: Er wirkt so skizzenhaft, weil er so viele Versprechen und Möglichkeiten birgt. So vorbehaltlos wie The XX musiziert keine andere große britische Band derzeit in das Offene hinein. Ihre Schwäche, auch das kann man als Gegenwartsdiagnose nehmen, ist ihre Größe.

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