Blanker Busen, singender Busch

Einige musikalische und modische Impressionen vom Berlin Festival auf dem Flughafen Tempelhof

Am frühen Sonntagmorgen ist nach zwei Tagen und über 30 Stunden Programm das Berlin Festival zu Ende gegangen; 20 000 meist junge Menschen erfreuten sich auf dem Tempelhofer Flughafen und in der Treptower Arena an internationalem Indierock und deutschem Diskurspop, aber auch an Folkmusik von skandinavischen Elfen und HipHop von gut erzogenen Schwaben. Im dritten Jahr seines Bestehens hat sich das Festival etabliert; an beiden Tagen war es ausverkauft, und selbst zur frühen Nachmittagsstunde drängten die Hörer sich vor den vier Flughafen-Bühnen, um beispielsweise die kammermusikalische Interpretation der Minimal-Techno-Ästhetik durch das Brandt Brauer Frick Ensemble zu bestaunen. Oder die Londoner Debütanten Clock Opera: vier junge Männer in taubengrauen Kostümen, die mit Schlagzeug, Bass, Kuhglocken und Satzgesang eine Art Mischung aus Shanty und Rave spielten; eine Musik, die man mithin als Shrave bezeichnen könnte oder als Ranty. Oder Jamie N Common, ein Milchgesicht mit einer reif zerkratzten Seefahrerstimme und einem Hut, den er bei besonders romantischen Stellen in der Hand zu halten pflegte. Gut!

Als leider grässlich erwies sich hingegen die vorab viel gefeierte Gruppe Friends aus Brooklyn, dem Prenzlauer Berg von New York. Auf ihrem Debütalbum hört man polyrhythmisches Klingeln und Klöppeln nebst blasiertem Gesang, was durchaus interessante Momente aufweist. Unter Konzertbedingungen blieb davon indes nur ein stumpfes Gepauke und migräneerzeugendes Krächzen übrig. Immerhin: Die Bassistin trug eine weiße Bluse und trank zwischen den Stücken Cola aus einem Becher mit einem Strohhalm! Die Sängerin war später noch einmal beim Konzert unserer Lieblings-Pop-Domina Grimes als Go-Go-Tänzerin mit entblößten Brüsten zu sehen; eine Rolle, in der sie sich als erheblich talentierter erwies als beim Singen. Grimes selber begeisterte mit einem extrem reduzierten, über weite Strecken in virtuellem Chorgesang versinkenden Auftritt, bei dem sie außerdem noch von drei bekleideten Männern begleitet wurde, die mit bunten Lichtschwertern in der Luft herumfuchtelten. Am Ende des Freitagabends war Grimes noch ein weiteres Mal als Gast beim Auftritt des unter anderem von M.I.A. bekannten Produzenten Wesley Pentz alias Major Lazer zu erleben. Mit zwei Sängern und zwei Tänzerinnen, hektischen Beats, magnetischen Bässen und einer Stadiontröte ist Pentz inzwischen zum Scooter des globalisierten Ethno-Bums-Beats geworden.

Der Scooter des globalisierten Diskurszirkuspops, Tobias Jundt, erschien zum Konzert seiner Band Bonaparte als camouflagefarbener Busch und erwies sich damit als best angezogener Musiker des Wochenendes. Später gesellten sich zu ihm noch ein dirigierendes Pferd, ein katalanischer Hirtenhund mit einer Kuhglocke sowie eine Irokesenfrisurträgerin, die sich aus Protest gegen die Inhaftierung von Pussy Riot gelbe Farbe über die wiederum nackte Brust goss. Unter Tierfreunden kontrovers diskutiert wurde das Outfit der Sängerin der Band iamami-whoami: Sie hatte sich nämlich in einen Yakpelz gekleidet. Noch schlechter angezogen war nur der Rapper Cro: Er trug eine konturlos unter dem schmalen Hintern klebende Skinny Jeans, die wie eine verrutschte Wurstpelle wirkte; kein Wunder, dass er – wie er in seinen Texten klagt – Schwierigkeiten hat, Mädchen kennenzulernen.

Wie stets, wurden auf dem Festival aber nicht nur Musik und Mode geboten. Man konnte auch Autoscooter fahren oder auf einem elektrischen Bullen ein Rodeo reiten. Ein Spartenfernsehkanal namens „ZDF Kultur“ lud zum Besuch einer elektronisch sensibilisierten Stepptanzfläche ein, auf der man beim Steppen Dubstepgeräusche erzeugte, oder wie es in diesem Fall heißen müsste: Dubstepp-Geräusche. Auch konnte man in einem mannshohen transparent-blauen Schlauch mit fremden Menschen im Kreis herum laufen und dabei Musik hören, ein Angebot, das von vielen Besuchern gern angenommen wurde.

Das Konzertprogramm endete am Samstagabend dann in geschmackvoll koordinierter Weise mit dem schlechtesten und dem besten Auftritt des Festivals. Auf der Hauptbühne bot Paul Kalkbrenner seinen ebenso regredierten wie beliebten Billigheimer-Bums-Techno dar, ein unfassbar ödes Set ohne Übergänge, Dynamik oder sonst eine Art von Dramaturgie. Das wurde auch durch Kalkbrenners affige Art des Posierens nicht unbedingt besser: Wenn er mal wieder auf den Gedanken gekommen war, den Bass erst raus- und dann reinzudrehen, wischte er sich hernach so triumphierend zackig über die Glatze, als habe er gerade die elektronische Musik neu erfunden.

Schlimm! Aber man konnte auf der nächsten Bühne stattdessen auch das Londoner Duo SBTRKT erleben, das winzig verfitzelte Synkopen vom Laptop mit einem jazz-haft improvisierenden Schlagzeug und wundervoll kehligem Soulgesang kombinierte. Diese Musik sprach gewissermaßen zugleich zum Kopf und zum Körper – und das ist dann selbst auf einem so schönen Festival wie diesem immer noch ein seltenes Glück.

Post to Twitter

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.