Ein fragwürdiger Fall von Schweißfetischismus

Unsere Themen in dieser Woche: Kirchenmusik, Männer in Leopardenfellhosen und die Frage, ob sich Popmusiker bei ihren Auftritten mit aus dem Publikum hochgeworfenen Kleidungsstücken ihren Schweiß von der Glatze sowie aus den Achselhöhlen fortwischen sollten. Letzteres war, wie ich hier nachtragen möchte, am vorvergangenen Wochenende bei dem Konzert des sympathischen Superstars Der Graf und seiner Gruppe Unheilig in der Wuhlheide der Fall, und zwar offenbar nicht zum ersten Mal und schon gar nicht zum Vergnügen von manchen seiner Verehrerinnen.

„Das Konzert war wirklich richtig klasse gewesen“, schreibt mir beispielsweise unsere Leserin „Birgit“. „Allerdings gab es dort leider zum wiederholten Male eine Sache, die einfach abscheulich ist, und das ist die inzwischen leider übliche Schweißabwischnummer. Diesmal war es eine Jacke, die von einer Frau (kein Teenie!) geworfen wurde und der Graf hat sich damit wie gewünscht an allen möglichen und unmöglichen Stellen den Schweiß abgewischt. Diese schweißdurchtränkte Jacke wurde dann sogar von dieser ,Dame‘ danach selbst angezogen. Warum um alles in der Welt macht der Graf diesen ekligen Scheiß immer wieder mit. Das sollte doch eigentlich nicht sein Niveau sein und die meisten anderen Fans sind inzwischen völlig genervt von dieser ekligen Nummer.“

Auch auf dem am vergangenen Wochenende zum dritten Mal im Tempelhofer Flughafen veranstalteten Berlin Festival ließen sich wieder allerlei interessante Beobachtungen zum Stand des Modebewusstseins unter Zwanzig-plus-Jährigen anstellen. In erfreulichem Maße zurückgegangen ist beispielsweise das Tragen von Duttfrisuren durch junge Frauen.

Dafür sieht man inzwischen wieder viel zu viel junge Männer in viel zu engen Leopardenfellmusterhosen herumlaufen; ein Trend, den die älteren unter unseren Lesern eventuell noch aus den ländlichen Mofaclubszenen des Westdeutschlands der Siebzigerjahre erinnern werden. Wollen wir dahin zurück? Ich meine: nein. Ein zweiter Megatrend unter gerade volljährig gewordenen Hipstern ist das öffentliche Transportieren von Multivitaminsäften in Tetrapak-Kartons, die mit quer über der Brust verlaufendem Klebeband am Oberkörper befestigt werden. In meiner Jugend wäre man für sowas ganz schön ausgelacht worden.

Aber egal, ist ja auch lange her. Und jetzt noch ein Ausgehtipp: Am kommenden Donnerstag stellt der hervorragende Sologitarrist, Klangschleifenerzeuger und Kirchenmusikkomponist Guido Möbius – den regelmäßige Leser dieser Zeitung auch als kundigen Kritiker der dubiosen Münchener Musikverwertungsgesellschaft Gema kennengelernt haben – im .HBC Club an der Karl-Liebknecht-Straße sein neues Album „Spirituals“ vor. Darauf huldigt Möbius dem Herrn, und zwar mit geloopten Hupgeräuschen, sachtem Gitarrengezupfe sowie mit im elektronischen Zwiegesang mit sich selber erzeugten Humm-, Brumm- und Humbachorälen. Toll! Beginn der Veranstaltung: 21 Uhr.

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