Genieße es, so lange du noch kannst

Ein erster Rundgang über die Berlin Music Week: Im HAU 1 spielten die Pet Shop Boys, im Festsaal rappte Swag-Star Mykki Blanco

Mit einer Vielzahl flotter Konzerte hat am Mittwoch die Berlin Music Week offiziell begonnen. Im Kreuzberger HAU-1-Theater konnte man beispielsweise das britische Elektropopduo Pet Shop Boys dabei erleben, wie es auf Einladung einer international operierenden Fernmeldefirma sein neues Album „Elysium“ präsentierte. Pet-Shop-Boys-Sänger Neil Tennant hatte sich zu diesem Zweck in einen äußerst eleganten zweireihig geknöpften Übergangsmantel gekleidet, während sein an den Tastengeräten musizierender Partner Chris Lowe einen schwarzledernen Kapotthut mit seitlichen Runterbaumelapplikationen trug.

Auch im 31. Jahr ihrer Karriere sind die Pet Shop Boys also immer noch tadellos angezogen. Im HAU-1-Theater spielten sie acht von ihren zwölf neuen Songs sowie zum Gedenken an den im Mai verstorbenen Robin Gibb eine Cover-Version des Bee-Gees-Stücks „I Started a Joke“; und auch ansonsten wurde an diesem Abend viel von Vergänglichkeit und Verlust gesungen. Es gab ein „Requiem in Denim and Leopard Skin“ zu hören, und in der gleichermaßen melancholisch wie euphorisch gestimmten Single „Winner“ hieß es ermahnend: „Du bist ein Gewinner! Genieße es, so lange du noch kannst!“

Begleitet von zwei virtuellen Chören, deren Gesichter auf schwarze Tafeln projiziert wurden, und bestrahlt von Sternenhimmeln und sich zärtlich an der Bühnenrückwand emporzüngelnden Flammen wirkten Tennant und Lowe wie ein aus der Zeit gefallenes Englandfährenunterhaltungsprogrammpärchen, das seinem Schöpfer mit schönen Liedern demütig dafür dankt, dass es noch am Leben ist: auf der Englandfähre der Ewigkeit.

Nach dem Auftritt der Pet Shop Boys konnte man wahlweise sofort zur Aftershowparty in das nahe gelegene Horst Krzbrg aufbrechen, wo unter anderem die zur Berliner Bärengemeinde gehörigen Pet Shop Bears interessante Schallplatten auflegten, oder aber zunächst noch im Festsaal Kreuzberg das Konzert des New Yorker Transgender-Drag-Hochgeschwindigkeitsrappers Michael D. Quattlebaum jr. alias Mykki Blanco besuchen.

Mit seiner im Frühjahr erschienenen EP „Mykki Blanco & the Mutant Angels“ ist Quattlebaum binnen Kurzem zum neuen Superstar der Transgender-Drag-Hochgeschwindigkeitsrapszene aufgestiegen, die in Fachkreisen übrigens auch als „Swag“ abgekürzt wird. Die seit den Neunzigerjahren mehrheitlich maskulin geprägte HipHop-Musik wollen Swag-Künstler wie er oder – der am Freitag nächster Woche ebenfalls im Festsaal auftretende – Zebra Katz wieder mit mehr Eleganz und sexueller Offenheit beschenken. Auf der Bühne und insbesondere in seinen zahlreichen Videoclips pflegt Mykki Blanco sich daher auch zumeist in Frauenkleidern zu präsentieren. Vor das Festsaalpublikum trat er am Mittwoch hingegen weitgehend nackt und erweckte dadurch einen wiederum eher männlichen Eindruck.

Freilich verstand er es beim Rappen und Tanzen vorzüglich, „maskuline“ und „feminine“ Formen ineinanderfließen zu lassen: Herrlich, wie Mykki Blanco seine bis zum Hintern reichenden Zöpfe zu schütteln verstand und wie ein schnurrendes Kätzlein auf den Laptop-Tisch kroch, während er dazu Reime von virtuosester Dickhosigkeit rappte. Sein laptopbedienender Partner Physical Therapy – der sich als Solokünstler ansonsten eher eklektischen Soundbasteleien widmet und bei seinen Auftritten als Wildwest-Cowboy verkleidet ist – bot dazu träg federnde HipHop-Beats, aber auch orientalisierende Melodie-Arabesken und rasend vor sich hinstolpernde Dubstep-Passagen.

Geschmeidigkeit und Grobheit waren hier kein Widerspruch mehr: ein toller Auftritt! Am kommenden Sonnabend ist Mykki Blanco sogar noch einmal zu erleben, und zwar im DJ-Duett mit unserer Lieblings-Popdomina Grimes: um 23 Uhr spielen die beiden im Südblock am Kottbusser Tor.

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