Airplanes in My Häääääääd

Herbert Grönemeyer verfügt über eine einzigartige Atem- und Gesangstechnik, auch sein Kehlkopfgebrauch ist phänomenal. Die tief aus dem Bauch herausgehusteten Silben, die stimmungsvoll gequetschten Glücks- und Schmerzenslaute beherrscht keiner so virtuos und variationsreich wie er. Schon der flüchtige Hörer kann ihn beim Singen sofort erkennen – auch daran, dass es in seiner Musik kaum Vokale gibt: Statt „Bochum“ singt er „Bchm“, statt „Schiffsverkehr“ heißt es bei ihm „Schffsvrkhr“, und eines seiner schönsten Liebesschmerzlieder aus den Achtzigerjahren hört auf den Refrain „Flgzgmbch“.

Groß war mithin die Spannung, seit er erklärte, zum dreißigjährigen Bühnenjubiläum nicht nur eine Club-Tour mit „Blick zurück“ zu beginnen – sondern auch eine Platte mit englischsprachigen Versionen seiner Songs herauszubringen. Wie, so fragte man sich, wird sich die englische Sprache ohne Vokale anhören? Wie wird dieses zur Verschleifung und Dehnung, zur Verwischung und Verzerrung neigende Idiom reagieren, wenn Herbert Grönemeyer sich mit seinen Silbenstakkati, seinem atemlos eruptiven Crooning-Stil darauf wirft?

Die englischsprachige Grönemeyer-Platte ist jetzt erschienen, sie heißt „I Walk“ und enthält weitaus mehr Vokale, als man erwarten konnte! Umso markanter ist der Grönemeyer’sche Konsonantengebrauch. Man höre, wie er in dem Stück „All That I Need“ vor jedem – von einem ordentlichen Engländer natürlich vernuschelten – „s“ nochmal Anlauf nimmt, um sich mit voller Wucht hinein zu schlängeln und zu zischen. Aus „screen“, „surrender“ und „senses“ wird „sssscreen“, „sssssurrender“ und „sssensssesss“. Und man höre, wie er, wenn er in „Airplanes In My Head“ vom Aufruhr in seinem „head“ singt, in selbigem noch eine endlos gedehnte „ä“-Variation unterzubringen versteht. Das ist eigentlich nicht englisch, aber deutsch ist es auch nicht.

Im nächsten Frühjahr geht Herbert Grönemeyer auf US-Tournee. Kürzlich lud er darum schon einmal ein paar englischsprachige Journalisten und viele Freunde nach Potsdam in das Studio Babelsberg, um das Programm dort zu proben und zugleich für einen amerikanischen Fernsehsender aufzuzeichnen. Ein schöner Abend! Er sang sämtliche Stücke aus dem Repertoire der LP, von „To The Sea“ („Zum Meer“) bis zu „Airplanes In My Head“ („Flgzgmbch“), aber auch englischsprachige Originalkompositionen wie „Will I Ever Learn“ (auf der LP im Duett mit Antony Hegarty dargeboten). Am tollsten aber war Grönemeyer, wenn er Lieder von seinen Idolen interpretierte – zum Beispiel „The Letter“, das von Joe Cocker berühmt gemachte Stück von den Box Tops. So monumental warf er sich dabei in die Brust, dass er wie ein großer Ochsenfrosch wirkte, der sich als Joe Cocker verkleidet hat!

Auch sang er „I’m On Fire“ von Bruce Springsteen – und schuf mit seiner eruptiven Intonation aus der sonst leicht im Schmalz schwelgenden Ballade ein gefühlszerrissenes, selbstwidersprüchliches Werk. Und am späteren Abend hüpfte dann plötzlich auch noch Bono von U2 aus der Kulisse und sang im Duett mit Grönemeyer „Mensch“.

Die Platte „I Walk“ ist auf Grönemeyers eigenem Label Grönland Records erschienen; das „Blick zurück“-Konzert in der Columbiahalle am Mittwoch, dem 14. November, ist seit Langem schon ausverkauft. Die transnationale Dialektik des Grönemeyer’schen Dialektgebrauchs wiederum wird ein zentrales Thema beim nächsten Popkritik-Abend im Roten Salon der Volksbühne sein: Am Dienstag, dem 30. Oktober, geht unsere Reihe „Livekritik und Dosenmusik“ in eine neue Saison. Auf der Bühne sitzen dann Sebastian Zabel und Arne Willander von der ehrenwerten Musikzeitschrift Rolling Stone sowie Tobi Müller und der bescheidene Verfasser dieser Kolumne. Beginn ist um 21 Uhr.

Post to Twitter

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.