Drrrrrrlllllll! Quietsch! Rumpel! Grrrrrrrrrrrk! Schnrrrrrrrrrrk! Krrrrrrrrrrrrrrrrk!

Schrwwwwwwwwwzk! Brrmm! Poch poch poch! Dröhn! Drrrrrrlllllll! Quietsch! Rumpel! Grrrrrrrrk! Schepper! Bums! Und das sind nur einige von den vielen schönen Geräuschen, die man auf der neuen Platte von Schneider TM zu hören bekommt. Sie heißt „Construction Sounds“ und enthält sechs Lieder, die zum Beispiel „Construction Sounds“, „Container“ oder auch „Container Redux“ heißen. Letzterer Song besteht zu wesentlichen Teilen aus einem nervenzerfetzend hochgepitchten Tinnitusfiepen; es könnte sich hierbei um das Geräusch handeln, das ein Ensemble aus spitz zugefeilten Damenfingernägeln erzeugt, die sich im rechten Winkel auf einer Schiefertafel entlang bewegen. Vielleicht ist es aber auch eine Gabel mit groben Zinken, die auf einer glatten Metallfläche schabt; oder eine funkensprühende Stahlschleifmaschine, die sich langsam auf einem verrosteten Straßenbahngleis durch das Ost-Berlin der letzten Jahrhundertwende bewegt.

Die dritte Variante dürfte hier die wahrscheinlichste sein, denn „Construction Sounds“ basiert nach Angaben des Künstlers zu wesentlichen Teilen auf Baustellengeräuschen, die er in den Jahren 2002 bis 2009 in seiner Wohnung in der Immanuelkirchstraße in Prenzlauer Berg aufgenommen hat: In diesen Jahren wurde das bis dahin pittoresk ruinierte Gelände zwischen Greifswalder Straße und Prenzlauer Allee ja großzügig saniert, renoviert und gentrifiziert. Bis zu 15 Stunden am Tag mussten die zuvor schon zugezogenen Bewohner mithin den barbarischen Krach von den Bautruppen ertragen, eine Geräuschkulisse, die Schneider TM, wie er sagt, mehrfach an den Rand des Nervenzusammenbruchs brachte.

Dann aber entdeckte er die lieblichen, geradezu meditativen Züge in diesen Klängen; bald sei es ihm vorgekommen, als ob die Bauarbeiter mit ihren Geräten selbst musizieren. Und wirklich, kann man im repetitiven Geräusch einer rotierenden Betonmischmaschine nicht auch den Widerhall des ewig sich erneuernden Universums erkennen? Und klingt das schwellende Scheppern der Berliner Gerüstbauer von fern nicht wie Sphärenmusik?
„Hören mit Schmerzen“ hieß ein charakteristischer Song aus dem ersten großen Album mit Berliner Stadtgeräuschen: „Kollaps“ von den Einstürzenden Neubauten aus dem Jahr 1981. Auch darauf wurde damals ja mit Presslufthämmern, Drillbohrern und Steinsägen musiziert. „Construction Sounds“ steht natürlich in dieser Tradition – wobei Schneider TM allerdings Wert auf die Feststellung legt, dass er anders als die Neubauten einst nicht mit den Mitteln des Krachs zu musizieren versucht, sondern vielmehr das Musikalische im Krach selber entbergen möchte. Auch geht es bei ihm keineswegs nur um Schmerz und Zerstörung. Im Schmerz erscheint immer auch die Verheißung des Werdens; die Sounds, die Schneider TM montiert, sind tatsächlich „konstruktiv“, Geräusche des Aufbaus und des Wandels.

Auch wenn dies also ein Gentrifizierungs-Konzeptalbum ist, so begnügt es sich nicht mit dem bekannten Beklagen des Untergangs vertrauter Stadt- und Straßenzustände. In fabelhafter Weise bringt Schneider TM vielmehr die Dialektik der städtischen Transformation zum Erklingen.

Am heutigen Mittwoch wird er die Platte in der Berghain Kantine vorstellen, und zwar beim Auftaktkonzert der neuen Veranstaltungsreihe Aufladetechnische Konferenz. Diese hat Schneider TM gemeinsam mit dem an dieser Stelle schon oft gepriesene Improv-Gitarristen und Einstürzende-Neubauten-Mitglied Jochen Arbeit konzipiert; künftig soll sie jeden dritten Mittwoch im Monat stattfinden. Beim ersten Abend außerdem mit dabei: die Tänzerin Tomoko Najasato, die Bewegtbildkünstler Abraham Hurtado und Pani K sowie der DJ Rashad Becker. Beginn: 21 Uhr.

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