Dubstep in der Synagoge

Kuwaitischer HipHop und unbehagliche Vibrationen vom Pornostar: Beim Unsound Festival in Krakau traf sich die Pop-Avantgarde

In der Nacht zum Sonntag stehen wir dann im großen Konferenzraum eines spätkommunistischen Protzbaus am Ufer der Weichsel und lauschen dem hektischen HipHop-Programm einer kuwaitischen Produzentin und Plattenauflegerin, die kürzlich auf einem Londoner Label ihr Debütalbum mit gleichermaßen geisterhaft verlangsamten schiitischen und sunnitischen Muezzingesängen herausgebracht hat. Ein herrlicher Spaß! Fatima Al Qadiri heißt die Produzentin, und sie spielt vor einer heiter enthemmten Menge aus polnischen Hipstern und internationalen Pop-Avantgardisten im Krakauer Forum Hotel.
Dieser wellenartig der Weichselbiegung nachempfundene Betonbau aus den späten Siebzigerjahren galt einstmals mit klimatisierten Zimmern, Minigolfanlage und allerlei anderem Luxus als Aushängeschild kommunistischer Gast- und Gemütlichkeit. 2002 wurde das Hotel geschlossen, jetzt liegt es wie ein gewaltiges gestrandetes Raumschiff gegenüber der Krakauer Königsburg Wawel am Weichselufer und dient mit seinen endlosen Fluren und hunderten von leerstehenden Zimmern vor allem als beliebte Stätte für Laser-Games, also Spiele, bei denen die Teilnehmer einander nach bestimmten Regeln verfolgen und mit Laserpistolen abzuschießen versuchen.

An diesem Abend jedoch tanzen wir friedlich auf den dicken Teppichböden verwehter Kadergemütlichkeit: Nach Fatima Al Qadiri setzt das befreundete kalifornische Produzentenduo Nguzunguzu den Abend mit globalisierten Elektrobeats fort; in einem kleineren Raum daneben spielt der Berliner DJ Heatsick von Mitternacht bis um Drei ein und dasselbe Stück mit geringen rhythmischen Variationen, die er mit einer eigens mitgebrachten Rumbarassel über die Laptop-Beats legt; derweil gibt im Saal Nummer eins die derzeit vielgefeierte, auf der Bühne allerdings kapriziöse und energiearme Londoner Post-Dubstep-Produzentin Cooly G ein eher enttäuschendes Konzert.
Doch egal, die lange Clubnacht im Krakauer Forum Hotel war dennoch einer der Höhepunkte des Unsound-Festivals, das am Sonntag zu Ende gegangen ist. Wie jedes Jahr im Oktober hat die internationale Pop-Avantgarde sich zehn Tage lang in der südpolnischen Stadt getroffen: Laptopbastler und Improv-Gitarristen, Techno-DJs und elektroakustische Rhythmusfrickler, Multimediakünstler und geradlinig agierende Plattenaufleger. An den verschiedensten, über das ganze Stadtgebiet verteilten Orten gab es Techno-Sets und Noise-Konzerte zu erleben, aber auch Klanginstallationen mit blinkenden Heliumballons und düsteres Dubstepgefrickel mit Streichorchesterbegleitung.

So ist es beim Unsound Festival durchweg: Massenbegeisternde Tanzmusik und fortgeschritten verfrickeltes Klangexperiment befinden sich hier in fröhlicher Nachbarschaft. In den zehn Jahren, in denen das Festival existiert, hat es sich neben dem Berliner Club Transmediale zur wichtigsten europäischen Veranstaltung seiner Art entwickelt – dass die Jubiläumsausgabe unter dem Titel „Das Ende“ stand, hat mithin nichts mit den Zukunftsaussichten von Unsound zu tun, sondern vielmehr mit der generellen apokalyptischen Stimmung im Pop-Schaffen der Gegenwart.

Geisterhafte Gesänge und Endzeitsounds gab es mithin nicht nur bei Fatima Al Qadiri zu hören. Auch der blutjunge britische Produzent Vessel brachte beim Nachmittagskonzert „Manggha“-Museum über fahl beglitzerten Geräuschflächenkleine Gespenster zum Seufzen. Der aus Philadelphia kommende Produzent Bee Mask verband an gleicher Stelle repetitiv auf- und abschwellende Störgeräusche mit lieblichem Spieluhrgeklimper und erzeugte damit eine possierlich-unbehagliche Vorweihnachtsstimmung. Der Berliner Klangkünstler Robert Henke wiederum ließ hydraulisch bewegliche Leuchtballons zu Sinustönen in einem dunklen Saal tanzen – und zwar in einem Theater in der bizarren, Ende der Vierzigerjahre am Reißbrett entworfenen stalinistischen Trabantenstadt Nowa Huta, die etwa zehn Kilometer nordöstlich des Krakauer Zentrums liegt.

Beim Parcours über die Spielstätten lernte der Festivalgast also auch wesentliche Teile der Krakauer Architektur- und Weltbildgeschichte kennen. Am Sonntag spielte das Bristoler Duo Demdike Stare mit der Sinfonietta Cracovia in der Tempel Synagoge im alten jüdischen Viertel Kazimierz. Schon am Donnerstag waren in der benachbarten katholischen St.-Katharinen-Kirche die spirituellen Krachmeister Daniel Lopatin und Tim Hecker bei einem Duo-Konzert zu erleben gewesen: Hecker ließ knapp über dem Boden schwere Brummtöne schweben, die auch von einer Kirchenorgel hätten stammen können; Lopatin besprenkelte das Brummen mit kosmisch glitzernden Keyboardarpeggien, aber auch mit organischen Klängen wie Blubbern, Rascheln und Zwitschern. Fabelhaft, wie die unterschiedlich abstrakten Arten von Klang dabei in ein Zwiegespräch traten! Und derart gewaltig pulsten die Bässe durch das knirschende Kirchenschiff, dass man sich um die Festigkeit des nicht mehr ganz neuen gotischen Altars zu sorgen begann.

Aber nicht nur in sozialistisch oder theologisch inspirierten Gebäuden fanden die Konzerte statt, sondern auch in einem sehr schönen Lokomotivschuppen mitten in Kazimierz: Hier gab am Sonnabend die kalifornische Band aTelecine ihr mit Spannung erwartetes Bühnendebüt. Deren Hauptprotagonistin Sasha Grey ist in den letzten Jahren vor allem als Hardcore-Porno-Darstellerin bekannt geworden – 2007 erhielt sie etwa den begehrten Adult-Video-News-Award für die beste Gruppensexszene (in dem Fetischporno „Fashionistas Safado – The Challenge“). Ihr Gesangsdebüt gab sie 2009 auf dem Current-93-Album „Aleph at Hallucinatory Mountain“; auch wird sie als Sängerin auf der Ende November erscheinenden letzten Throbbing-Gristle-LP „Desertshore“ zum Gedenken an den vor zwei Jahren verstorbenen Bandmitbegründer Peter „Sleazy“ Christopherson zu hören.

Der aTelecine-Auftritt in Krakau blieb freilich instrumental. Gemeinsam mit ihrem Partner Pablo St. Francis verflocht Grey spärliche Gitarrenmotive mit unbehaglich vibrierendem Noise; manchmal war auch so etwas wie eine kurz vor der Zerspannung stehende Stahlfeder zu hören. Gegen die etwaige Erwartung einer Pornostar-Show beließ Grey ihren Körper und ihr Gesicht im Dunkeln und zeigte statt dessen Bilder von buntem Laub sowie – satanisches Zeichen? – einem rückwärtslaufenden Reh. Erst am Ende war sie auf der Videoleinwand über der Bühne zu sehen: in gewundenen, verklemmten Posen, in denen sich großes Unbehagen mit dem eigenen Körper auszudrücken schien.

So fiel man mit Sasha Grey aus den Wipfeln der Metaphysik in die Niederungen des Körpers herunter und trat im Bewusstsein der Fremdheit mit sich aus diesem wieder hervor: In Krakau ging es einmal vom Anfang zum Ende der Kunst und wieder zurück.

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