Nackt im Wind

Jennifer Lopez sang und tanzte in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof

Nach Madonna und Lady Gaga gastierte am Sonnabend zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder einmal ein internationaler Superstar in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof, in dessen Konzert es weder eine Vergewaltigungsszene noch einen Schusswechsel zu sehen gab. Auch wurde keinerlei christliche Ikonografie verwandt oder die katholische Kirche in irgendeiner Form verhöhnt oder beleidigt. Es handelte sich also um ein überaus ungewöhnliches Konzert, das Jennifer Lopez mit ihrer Band absolvierte.

Es begann mit einem Videofilm, der die Künstlerin bei ihren Konzertvorbereitungen im Backstage-Bereich zeigte; diese bestanden im wesentlichen darin, dass sie mit roter Tinte drei Mal „Love“ in ihr Tagebuch schrieb und dann Haarfestiger auf ihre Frisur sprühte. Das erwies sich als gute Idee, denn auf der Bühne war es während des folgenden Auftritts sehr windig! An allen Ecken und Enden waren große Ventilatoren postiert, die Jennifer Lopez nun kräftig ins Gesicht pusteten und ihre Haare mal stramm nach hinten wehten, mal von unten nach oben in wuscheliger Weise verwirbelten. Das war hübsch anzusehen; angesichts der Tatsache, dass Jennifer Lopez nur äußerst spärlich bekleidet war, begann man sich freilich bald um ihre Gesundheit zu sorgen. Denn wie leicht kann man sich bei so einem dauernden Durchzug einen Schnupfen oder Schlimmeres holen. Zumal, wenn man beim Singen und Tanzen auch noch so stark schwitzt wie sie.

Das Konzert dauerte dann etwa anderthalb Stunden. Während etwa zwei Dritteln der Zeit war Jennifer Lopez auch zu sehen. Das andere Drittel verbrachte sie damit, sich hinter der Bühne was anderes anzuziehen, während ihre Angestellten unbeirrt weiter tanzten und musizierten. Desweiteren war der Auftritt in vier thematische Teile gegliedert. Der erste Teil hieß „Old Hollywood Glamour“, weswegen die acht Tänzer von Jennifer Lopez nach Art von Fred Astaire in der Luft herumsprangen und mit Gehstöcken wirbelten. Zu den in diesem Rahmen dargebotenen Stücken wie „Love Don’t Cost a Thing“ passte dieser Stil zwar nur bedingt. Doch egal. Bereits an dieser Stelle begann eine unentwegt kreischende junge Frau in der Reihe hinter mir derart aufgeregt herauf und herunter zu springen, dass sie mir zunächst mehrfach mit dem Schambein gegen den Hinterkopf schlug und alsdann meiner Sitznachbarin ihren gesamten Sekt über die Steckfrisur schüttete.

Der folgende Themenblock war dann etwas ruhiger; er hieß „Back to the Bronx“ und umfasste die Stücke, in denen Jennifer Lopez ihre Herkunft aus einfachen Verhältnissen besingt, wie „Jenny From the Block“ oder „I’m Real“. Dazu wurde flugs eine typische Straßenszene aus der Bronx aufgebaut: mit zwei mobilen Maschendrahtzaun-Elementen sowie einem jungen Mann in einer zu weiten Hose, der auf einem zu kleinen Fahrrad hin und her fuhr. In diesem Teil trug Jennifer Lopez eine edelsteinbesetzte Boxtrainingsmontur; in der folgenden „Funky/ Love“-Section kam sie in einer Art blassblauer Toga zurück; in der „Party Section“, in der sie unter anderem ihren aus der Kleinwagenwerbung bekannten Hit „Papi“ aufführte, trug sie eine Applikation aus an ihr hochzüngelnden Flammen.

An verschiedenen Stellen des Abends versuchte Jennifer Lopez, mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen. Dieses Unterfangen erwies sich indes als schwierig, weil der Bühnenwind auch stark auf das Mikrofon schlug und dabei dumpf knallende Störgeräusche erzeugte; oft klang Jennifer Lopez mithin wie ein Wetteransager bei Außenaufnahmen vor einer Tornadofront. Auch fehlte ihren Dialogversuchen noch ein wenig Stringenz. „Berlin“, rief sie etwa nach dem Song „Hold It Don’t Drop It“: „Wollt Ihr reden?“ Berlin: „Jaaa!“ Lopez: „Worüber wollt Ihr reden?“ Berlin: „…?“ Lopez: „Vielleicht über Liebe?“ Berlin: „Jaaa!“ Lopez: „Ja, die Liebe. Ich könnte Tag und Nacht über sie reden und Nacht und Tag. (Irres Kichern.) Ach, wisst Ihr, ich sing Euch einfach ein Lied über die Liebe.“

An solchen Stellen, an denen die bis zur Selbstparodie übertriebene Pseudo-Wahrhaftigkeit von Jennifer Lopez ihre ganze Verlogenheit offenbarte, war ihr Auftritt fraglos am lustigsten und besten. Ansonsten würde man ihr durchweg noch lieber zuhören, wenn sie etwas besser singen könnte! Ein Mangel, der an diesem Abend indes durch eine kompetente Chorbegleitung über weite Strecken gut ausgeglichen werden konnte.

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