Thom Yorke kann nicht tanzen und nicht auflegen

Ein Abend mit Caribou und Radiohead in der Wuhlheide und im Stattbad Wedding

Eine der bewunderungswürdigsten und tollsten, tanzbarsten und zugleich intelligentesten Gruppen des gegenwärtigen Pop hat am Sonnabend in der Freilichtbühne Wuhlheide ein hervorragendes Konzert gegeben: Das kanadische Quartett Caribou um den beatbastelnden Logiker und Mathematiker Dan Snaith beglückte uns ein weiteres Mal mit seinen gleichermaßen polyrhythmisch verzwirbelten wie auch im rechten Moment massenbegeisternd voll auf die zwölf schlagenden Indierock-House-Disco-Hits.
Über zwei Jahre sind seit der letzten Caribou-Platte „Swim“ vergangen; doch haben deren glänzendste Stücke wie „Kaili“, „Sun“ oder „Odessa“ seither nichts von ihrer musikalischen Kraft eingebüßt. Zumal Caribou sie bei jedem Konzert wieder in neuen Varianten präsentieren: Diesmal wurde etwa „Odessa“ zunächst in einem Percussion-Duett zwischen dem Schlagzeuger Brad Weber und dem zwischen elektronischen Geräten und Drums umherhuschenden Dan Snaith aufgelöst, um schließlich mit schwer verhallten und sich verlangsamenden Beats wie ein düsterer Industrial-Track zum Stillstand zu kommen. Das im Original sommerneblig diffuse „Sun“ wiederum entfaltete sich am Ende des Auftritts zu einem geradezu epischen Techno-Stück.

Ein wunderbares Konzert, das wir nicht zuletzt der britischen Progressive-Rock-Gruppe Radiohead zu verdanken haben; sie hat sich Caribou nämlich für ihre laufende Tournee als Vorgruppe ausgewählt. Gut! Zumal man zu Recht finden kann, dass Caribou das alte Radiohead-Projekt der Versöhnung von Indierock und elektronisch verfitzelten Beats, von klassischen Songdramaturgien und seriell sich entfaltenden Tanzmusikstücken, von Avantgarde und Mainstream-Pop heute weit virtuoser betreiben als Radiohead selbst. Dass der Auftritt von Caribou – wie viele Hörer an diesem Abend beklagten – unter seiner arg gedrosselten Lautstärke litt, lag übrigens einmal nicht an ruhebedürftigen Nachbarn. Der Grund war vielmehr eine Vorschrift des Radiohead-Managements, die besagte, dass die Vorgruppe nur maximal 70 Prozent des möglichen Pegels ausschöpfen darf.
Das Radiohead-Konzert, das im zweiten Teil des Abends auf den Caribou-Auftritt folgte, war dann entsprechend lauter. Es bestand im Wesentlichen aus Liedern der letzten beiden Alben „The King of Limbs“ und „In Rainbows“ und begann mit dem Stück „Lotus Flower“, zu dem der neuerdings mit einem Pferdeschwanz nach Gitarrenlehrermanier frisierte Radiohead-Sänger Thom Yorke einen seiner wunderlichen Kasperletänze aufführte.

Über der Bühne hingen drei Reihen zu je sechs großformatigen Monitoren, auf denen man die Köpfe der Bandmitglieder sah; später wurden auch ihre Schultern, Knie und Füße eingeblendet. So erschienen die Musiker gleichermaßen als Kollektiv im Zusammenspiel wie auch in der Konzentration auf das je eigene Instrument – was gut zum künstlerischen Gesamtkonzept von Radiohead passt. Auch klanglich legen sie ja viel Wert darauf, die einzelnen Instrumente gegeneinander klar zu konturieren; gerade im Konzert ist es immer wieder interessant anzuhören, wie sacht sich die melodischen Motive und gelegentlichen Soli etwa von Johnny Greenwood an der Gitarre aus dem steten Fluss der Geräusch- und Rhythmustexturen erheben.

Interessant – aber auf seltsame Weise doch wenig berührend, was auch an dem stetig darüberschwebenden und auf Dauer doch überaus lästigen Kopfstimmengewinsel von Thom Yorke liegen kann. Ein paar Stunden nach dem Ende des Freilichtkonzerts wurde das Caribou- und Radiohead-Programm dann noch ein paar Kilometer weiter nordwestlich fortgesetzt: Im Stattbad Wedding absolvierten Dan Snaith und Thom Yorke bis in den Sonntagmorgen ein gemeinsames DJ-Set. Snaith pflegt nach seinen Konzerten ja grundsätzlich noch mindestens fünf Stunden irgendwo aufzulegen; regelmäßige Caribou-Besucher erinnern sich an seine Auftritte im Horst Krzbrg und der Panorama Bar. An diesem Abend frönte er vor allem seiner neuen Leidenschaft für westafrikanische Musik und mixte in überaus eleganter Art etwa ghanaischen Highlife mit Techno-Beats. Wenn Thom Yorke an die Regler trat, sackte die Stimmung hingegen sofort zusammen: Ohne Übergänge, ohne Flow, ohne irgendein dramaturgisches Gespür warf er den konsternierten Tänzern zusammenhanglose Techno-Tracks vor die Füße.

Schön, wenn ein Superstar auch mal Schwäche zeigt: Wie als Tänzer, so kann Thom Yorke auch als DJ seine Kunst noch entscheidend verbessern.

Post to Twitter

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.