Zum Tod des großen Soulsängers Terry Callier

Er hat einige Anläufe gebraucht, um endlich die Anerkennung zu erhalten, die er verdiente. Seine musikalische Laufbahn begann Terry Callier Anfang der Sechzigerjahre als Folksänger und Gitarrist, aber sein erstes Album „The New Folk Sound of Terry Callier“ erschien erst mit vier Jahren Verspätung, weil die Plattenfirma die Veröffentlichung so lange verzögerte. Dabei war dies eine der  interessantesten Verbindungen von Folk und Soul, vom frühen Dylan ebenso inspiriert wie von den spirituellen Improvisationen des späten Coltrane; und der schwere, gleichsam sanfte Bariton, mit dem Callier dazu sang, klingt bis heute ebenbürtig neben Curtis Mayfield und Marvin Gaye.

Sein Hauptwerk waren dann die drei Platten, die er Anfang der Siebzigerjahre für das Chicagoer Jazzlabel Cadet Records aufnahm, von „Occasional Rain“ (1973) bis zu „I Just Can’t Help Myself“ (1975). In Liedern wie „Dancing Girl“ lieferte er einige der genauesten Sittengemälde der ausklingenden Protestmusik-Zeit, und mit den majestätischen, gleichermaßen sanft sich ins Ohr schmiegenden Orchesterarrangements wurde er zum prägenden Vorbild bis ins jüngste Glied der Soulmusik. Ein Adept wie Michael Kiwanuka wäre ohne diese Platten völlig undenkbar – nur dass aus Calliers Musik noch nicht die unverbindliche Melancholie des heutigen Retro-Soul sprach, sondern echte Leidenschaft, Zorn, lyrische Präzision; und wenn er in die Tonlage des Religiösen verfiel, dann nicht aus Resignation, sondern aus dem Bewusstsein, dass die Welt hier drunten anders sein soll.

Genug Platten verkaufte er damit freilich nicht. Darum verlor Callier seinen Vertrag und verschwand Anfang der Achtzigerjahre von der musikalischen Bühne. Wiederentdeckt wurde er erst in den Neunzigern von Acid-Jazz-Produzenten wie Eddie Pillar und Gilles Peterson. Sie verhalfen ihm zu Plattenveröffentlichungen und neuen Tourneen, er gastierte etwa auf Alben von 4Hero und Massive Attack. Live war Callier im letzten Jahrzehnt auch  in Berlin wiederholt zu erleben: Im Quasimodo spielte er zarte, spirituelle Ensemble-Konzerte mit viel Raum für Improvisationen und Ornamente.
„Seine Musik weht durch den Raum wie ein Lächeln“, hieß es über einen seiner Auftritte in dieser Zeitung. Am Sonntag ist Terry Callier im Alter von 67 Jahren in seiner Heimatstadt Chicago gestorben.

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