Wenn bloß noch Schnapstrinken hilft

Vor zwei Wochen berichtete ich an dieser Stelle über den Auftritt der amerikanischen Multimediakünstlerin Jennifer Lopez in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof und erwähnte dabei, dass schon nach wenigen Minuten „eine unentwegt kreischende junge Frau in der Reihe hinter mir derart aufgeregt herauf und herunter zu springen [begann], dass sie mir zunächst mehrfach mit dem Schambein gegen den Hinterkopf schlug und alsdann meiner Sitznachbarin ihren gesamten Sekt über die Steckfrisur schüttete.“ Daraufhin erkundigte sich ein Leser auf der Online-Seite der Berliner Zeitung: „Was machen Sie denn auf dem Konzert, Herr Balzer, dass das Schambein (Knochen, bei dem die Beckenhälften vorne zusammentreffen) Ihrer Hinterfrau auf Ihren Hinterkopf treffen kann? Da sind Sie tief in die Knie gegangen oder die Dame hinter Ihnen schafft es, 1,50 bis 2 Meter nach oben zu springen?).“ Woraufhin ein anderer Leser seine Deutung des Vorfalls hinzufügte: „Er saß. Sie sprang.“ Dieser Leser hat Recht.

Wer nun in den vergangenen Tagen die Berliner Konzertbühnen besuchte, konnte dort einigen sehr guten und einigen sehr schlechten musikalischen Ereignissen beiwohnen. Sehr gut gefallen hat mir beispielsweise in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag im Kater Holzig das festliche Jubiläum des Staatsakt Labels, das bekanntlich von unserem allseits geschätzten Mitarbeiter und Sänger   Gruppe Die Türen, Maurice Summen, betrieben wird: ein heiterer Abend voll geistreichen Witzes und komplex rhythmisierter Figuren wie zum Beispiel Andreas Dorau, Jacques Palminger  oder Maurice Summen persönlich.

Sehr schlecht, ich möchte fast sagen: auf eine verstörende und mich persönlich sehr traurig machende Weise überflüssig, beknackt und öde war hingegen der Auftritt der ehemaligen Sonic-Youth-Bassistin Kim Gordon am Donnerstag  im Berghain. Wie an dieser Stelle berichtet, haben Sonic Youth sich im vergangenen Jahr aufgelöst, seither touren die ehemaligen Mitglieder getrennt voneinander durch die Welt. Thurston Moore gab im letzten Dezember ein ordentliches, folkrockinspiriertes Konzert in der Volksbühne; Lee Ranaldo spielte im Juli ein grandioses Siebzigerjahre-Psychedelikrock-Set im Lido. Kim Gordon wiederum debütierte im Berghain nun in ihrem neuen, der freien Improvisation verschriebenen Duo Body/Head, das heißt: Über eine nicht enden wollende Stunde  lang dengelten sie und ihr Mitmusiker Bill Nace in gänzlich spannungsloser und uninspirierter Weise auf ihren elektrischen Gitarren herum. Mal wurde ein wenig auf dem Korpus geklöppelt, mal das Griffbrett mit diesem oder jenem atonalen Fantasieakkord belästigt. Es gab kein Zusammenspiel, keinen Dialog, keine Dramaturgie, keine Anzeichen von Leidenschaft oder irgendeiner musikalischen Inspiration, sondern lediglich Gedaddel auf durchgehend mittlerem Pegel. Keine andere Band, wenn ich das an dieser Stelle mal sagen darf, habe ich in meiner Jugend so geliebt wie Sonic Youth, umso verzweifelter wurde ich beim Anhören dieses  nicht nur intellektuell beleidigenden Unfugs. Ein tragischer Abend.  An seinem Ende hätte ich heulen können. Stattdessen trank ich Schnaps, das beruhigte.

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