Crime & the City Solution im Columbiaclub

Es ist nicht so, dass man diese Band hören könnte, ohne an all die Menschen zu denken, die einst in ihr musizierten und nun nicht mehr leben.  Etwa Rowland S. Howard: In den Achtzigerjahren spielte er  hier seine  ergreifend  angespannte, vor Trauer und Wut nur so zitternde Gitarre. Nach der Trennung von The Birthday Party und Nick Cave hatte Howard in Berlin bei Crime & the City Solution eine neue Heimat gefunden, zusammen mit dem Sänger Simon Bonney und dem Schlagzeuger Epic Soundtracks. Ihr Debüt „Room of Lights“ war eins der großartigsten Rock’n’Roll-Alben der Achtzigerjahre; unvergessen auch der Auftritt in Wenders’ „Himmel über Berlin“: Als Bruno Ganz und Solveig Dommartin sich in einen schummrigen Kellerclub verirren, spielen Crime & the City Solution dort gerade „Six Bells Chime“, woraufhin  Dommartin sogleich selbstvergessen zu tanzen beginnt und Ganz wieder einmal sehr melancholisch guckt.

Danach verließen Epic Soundtracks und Howard die Gruppe, um anderswo weiter zu musizieren, der eine starb 1997, der andere 2009. In der nächsten Besetzung, die Simon Bonney zusammenstellte, spielte unter anderem  der Einstürzende-Neubauten-Gitarrist Alexander Hacke und das frühe D.A.F.-Mitglied Chrislo Haas; bis 1991 veröffentlichten sie drei Alben, auf denen Bonneys gleichermaßen geschichtenerzählender wie hymnisch gefärbter Gesang nunmehr über epischen Drones von Keyboard, Gitarre und Geige  schwebte. 1991 löste die Band sich auf, Chrislo Haas starb 2004.

Nun haben sich Crime & the City Solution ein weiteres Mal formiert. Auf ihrem alten Label Mute Records ist eine Kompilation mit Liedern aus den Jahren 1987 – 1991 erschienen; am Mittwoch standen sie im Columbiaclub zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren wieder auf einer Berliner Bühne. Es war ein großer, beglückender Abend: so leidenschaftlich, vital und  gegenwärtig spielte die Band. Wie ein Wanderprediger beschwört Simon Bonney  noch immer  die Schrecken der Dunkelheit und  das Licht der Liebe; und wie einst bebt sein Körper dabei vor unbändiger,  doch immer kurz vor dem Ausbruch gebannter Erotik. Alexander Hacke drischt immer noch mit großen groben Gesten auf sein Instrument, selbst wenn er nur schlichte kleine Akkorde spielt. Und daneben wiegt sich als neuer zweiter Gitarrist David Eugene Edwards (von  16 Horsepower) in sanften Vor- und Seitschritten; die Geigerin Bronwyn Adams flicht sirrend singende Störgeräusche ins Ganze.

Wunderbar, wie das alles zittert und bebt, schwingt und vibriert: Auch nach all den Besetzungswechseln und Jahren der Pause sind Crime & the City Solution noch immer von einer ungeheuren inneren Bewegtheit beseelt; sie rührt aus dem stetigen Wechsel von Wunsch und Versagung, von Unterdrückung und Trieb. Anderthalb Stunden lang spielen sie viele alte und ein paar neue Stücke und am Ende des Hauptteils das herzzerreißende „All Must Be Love“. So lebendig erscheint diese Musik sogleich, als hätte sie uns all die Jahre umgeben; und so selbstverständlich wahrt sie doch zugleich  die Erinnerung an das, was nicht mehr ist.

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