Der Jazz ist tot

Und der Chef hat schlechte Laune. Ist aber beides nicht so schlimm: Notizen vom Berliner Jazzfest 2012

 

Das schönste Schlagzeugsolo an diesem langen Jazzwochenende wird auf einer leicht knittrigen Lederhose gegeben. Es musiziert: Steve McCraven, Drummer im Archie Shepp Quartett, auf den beiden eigenen Beinen. In rasender Geschwindigkeit gibt er den Grundbeat mit seinen klatschenden Daumen und wirbelt mit den restlichen Fingern polyrhythmisch verzwirbelt darüber. „Das soll daran erinnern“, hat Archie Shepp vorher gesagt, „woher unsere Musik eigentlich kommt. Sie kommt aus der Zeit meiner Großmutter, und meine Großmutter ist Sklavin gewesen. Damals gab es keine Instrumente für schwarze Menschen, keine Saxofone, keine Klaviere, keine Trommeln. Alles, was wir hatten, waren unsere eigenen Körper, also haben wir auch auf ihnen getrommelt.“

Der Auftritt des Archie Shepp Quartetts am Sonnabend ist einer der Höhepunkte des Berliner Jazzfests 2012 gewesen; eine historische Meditation über die Wurzeln des Jazz, eine Reise zurück zu Gospel und Blues. Der einst so zornig in sein Instrument schreiende Shepp spielt mit lyrischem, manchmal gar zärtlichem Ton Lieder für seine Tochter und seine Großmutter, kongenial begleitet von Steve McCracken, der Pianistin und Sängerin Amina Claudine Myers und Wayne Dockery am Bass. Dockery, gerade 71 geworden, wird am Krückstock von einem Assistenten auf die Bühne geführt und auf einem Schemel platziert, dann legt der Assistent ihm den Kontrabass vorsichtig auf den steifen Körper. Auch später beim Verlassen der Bühne benötigt er wieder Hilfe, zwischendurch aber spielt Dockery auf seinem Gerät mit den flinksten Fingern, die man sich vorstellen kann.

„Der  Jazz ist tot“, hat Archie Shepp vor ein paar Jahren im Gespräch mit dieser Zeitung gesagt. Seine Rolle in der afroamerikanischen Community sei lange schon durch den HipHop ersetzt worden; und als Musik für die weiße Mittelschicht sei er auf Dauer nicht überlebensfähig. Was den Jazzmusikern heute noch bleibe, sei mithin die Erforschung und Bewahrung der Jazzgeschichte, und diese Geschichte führe notwendig bis zum Blues zurück.

„Der Jazz ist tot – also erforschen wir seine Geschichte“: Das könnte auch das Motto des gesamten Jazzfests gewesen sein, das am Sonntag zu Ende ging. Es war das erste unter dem neuen künstlerischen Leiter Bert Noglik (64), und wo sich seine Vorgänger im letzten Jahrzehnt, Nils Landgren und Peter Schulze, auf mehr oder weniger gelungene Weise an der Ausweitung und Modernisierung des Repertoires versuchten, zog Noglik sich weithin auf den Traditionskern des Jazz zurück, man könnte auch sagen: aufs  Vergangene.

So bevölkerte nicht nur eine Vielzahl von Veteranen das Festival: von Archie Shepp (75) bis zu dem schweizer Percussionisten Pierre Favre (75), von der Pianistin Irène Schweizer (71) bis zum Polittrommler Günter Baby Sommer (69). Auch lagen die Spielstätten – vom Haus der Festspiele bis zur Akademie der Künste am Hanseatenweg – wieder sämtlich in Wilmersdorf, Charlottenburg und Tiergarten, den traditionellen Siedlungsgebieten der jazzmusikhörenden Studienräte mit Bart. Alle Versuche, den Jazz auch  in östlicher gelegene und von jüngeren Menschen bewohnte Kieze zu bringen, hat Bert Noglik eingestellt. Ebenso wie – leider! – die Nachtkonzerte auf der Seitenbühne des Festspielhauses. Unter Nils Landgren war gerade sie  zum überraschungsreichsten Festivalort geworden. Hier traten Bands aus der Grauzone zwischen Jazz, Folk, Elektronik und frei improvisierter Musik auf; hierhin strömte auch ein junges, eher jazzfremdes Publikum – das dem Festival in diesem Jahr wieder weitgehend fehlte.

Wo man junge Musiker sah, widmeten auch sie sich der Geschichte: Das Trio Das Kapital gab ein Konzert für Hanns Eisler; der Percussionist Christian Lillinger erinnerte im Rolf Kühn Quintett an die Pianistin Jutta Hipp.

Man kann das  als  Musealisierung beklagen – oder als Realismus begrüßen. Vielleicht ist der Jazz ja wirklich das, als was ihn Bert Noglik präsentiert: ein historisch gewordenes Genre, ein Gegenstand der Philologie. Dass aber der künstlerische Leiter des Jazzfests sich schon  zu Beginn seiner Amtszeit als Bestattungsunternehmer empfiehlt – das ist immerhin eine  neue Entwicklung in der Geschichte dieser Institution.

Das Abschlusskonzert am Sonntag spielte der Fusion-Jazz-Veteran Wayne Shorter – unter erschwerten Bedingungen: Auf der Herreise war seinem Quartett das Gepäck samt Instrumenten verlorengegangen, erst kurz vor Konzertbeginn bekam er Ersatz. Und man kann nicht sagen, dass Wayne Shorter das passte. Mit geradezu angewidertem Gesicht blies er ein bisschen in das geliehene Tenorsaxofon, drehte mürrisch am Mundstück und versuchte es dann mit den gleichen Linien auf einem ihm nur wenig mehr pläsierenden Sopransaxofon. Auch im restlichen Verlauf des Abends hellte sich seine Laune kaum auf – doch hatten seine Mitmusiker gerade deswegen gewaltigen Spaß. Danilo Perez am Piano, der geniale Brian Blade an den Drums und der Bassist John Patitucci nutzten die durch Shorters Muffeligkeit sich öffnenden Räume für grandiose Kollektivimprovisationen.

So war es mit diesem Konzert, wie es vielleicht mit dem Jazz im Ganzen ist: Gerade in ausweglosen Situationen entsteht manchmal die schönste Kunst.

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