Auf der Couch mit Flying Lotus

Viele Menschen fragen sich ja: Wie sieht eigentlich der Alltag so eines Popredakteurs aus? Wie fühlt es sich an, jeden Tag hautnah an den großen Stars des Popuniversums zu operieren? Ist das nicht eine ungeheuer glamouröse und befriedigende Tätigkeit?  Ein Traumberuf, wie er im Buche steht? Eine schmeichelhafte Beschäftigung, an der das Ego des Journalisten täglich wächst?

Nun. Hier ein exemplarischer Fall aus der Praxis. Neulich versuchte ich im Michelberger Hotel an der Warschauer Straße ein Interview mit dem 29-jährigen, weltweit völlig zu Recht gefeierten kalifornischen Hochgeschwindigkeits-Beatboller-Dubstep-Free-Jazz-Produzenten Steven Ellison alias Flying Lotus zu führen. Er hat auf dem Londoner Warp Records Label gerade sein neues Doppelalbum „Until the Quiet Comes“ herausgebracht und lag nun, wohl auch vom Jetlag beschädigt, leicht geistesabwesend auf einer Couch.

Hallo Steven, schön Dich zu treffen…
Was hast Du denn da für einen Ring am Finger? Totenkopfring?

Ja.
Interessant. Kann man den aufklappen?

Ja.
Ah! Sind da Drogen drin?

Nein.
Wie langweilig.  Och. Und sag mal, an Deiner anderen Hand, ist das ein Ehering?

Ja.
Du bist echt verheiratet?

Ja.
Boooooh, wie langweilig. Du bist mir echt mal ein langweiliger Typ.

Ja. Danke. Können wir jetzt über Dein Album reden?
Klar. Und ich mein das auch gar nicht so, Mann. Du bist bestimmt gar nicht langweilig. Siehst nur halt ziemlich langweilig aus.

Ja. Es wurde dann übrigens doch noch ein ganz interessantes Gespräch, in dessen Verlauf Flying Lotus und ich uns unter anderem über den Stellenwert des experimentellen HipHop in der aktuellen musikalischen Landschaft unterhielten sowie über das künstlerische Erbe, das ihm seine 2007 verstorbene Tante Alice Coltrane mit auf den Weg gegeben hat – in ihrem Ashram hat der kleine Steven nämlich dereinst das Klavierspielen und Orgeln gelernt.

Auf „Until the Quiet Comes“ hört man neben dem üblichen Hochgeschwindigkeits-Beatboller-Dubstep -Free-Jazz nicht nur spirituelle Meditationen im Stil von Alice Coltrane, sondern auch allerlei interessante Geräusche wie ein besonders ungewöhnliches Vogelgezwitscher, das Ellison beim Spazierengehen im australischen Melbourne hörte und sogleich sampelte, das Knirschgeräusch eines sich drehenden Discokugelgelenks aus Cincinnati oder aber auch – in der fabelhaften Single „See Thru To U“ – die soulvolle Stimme von Erykah Badu.

Am morgigen Donnerstag, den 8. November, tritt Flying Lotus um 22.30 Uhr im Gretchen Club auf. Falls Sie dahinwollen: Vergessen Sie es. Das Konzert ist ausverkauft.

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