Schön schillerte die schwitzende Schulter

Stadionrockballadentechno: Apparat spielten im Berghain

Großes Herbstromantikwochenende auf den Berliner Bühnen: zwei ausverkaufte Konzerte von Godspeed You! Black Emperor im SO 36 (wir berichteten) und zeitgleich zwei ausverkaufte Konzerte von Apparat im Berghain. Bei letzterem handelt es sich um einen Kreis romantisch veranlagter Männer rund um den gelernten Berliner Technoproduzenten Sascha Ring. Im Berghain boten sie zur nicht enden wollenden Verzückung des andächtig sich in den Hüften wiegenden Publikums knapp zwei Stunden lang melancholische Stadionrock-Balladen-Musik in meist mittlerem Tempo über meist mittel-kompliziert konstruierten Beatarchitekturen dar. Wenn der im Übrigen fabelhaft virtuos arbeitende Schlagzeuger einmal wieder einen besonders bedeutungsschweren Beatwechsel wagte, wurde das Publikum sogleich aus gleißenden Schlagscheinwerfern geblendet wie sonst nur bei einem Konzert von U2 oder meinetwegen auch Coldplay.

Auch sonst könnte man Apparat als die U2 oder meinetwegen auch Coldplay des Berliner Technos bezeichnen: Nicht nur haben sie ihre elektronischen Beats auf dem aktuellen Album „The Devil’s Walk“ daumendick mit Pathosbutter bestrichen; auch das heiser-dramatische Tremolo Bonos und den froschhaft gestopften Selbstzweifelgesang von Chris Martin beherrscht Sascha Ring inzwischen hervorragend. Ebenfalls nicht schlecht ist er im Fach des weichlichen Winselns nach Art des Radiohead-Sängers Thom Yorke; doch während das Winseln bei Radiohead eher nervt, fügt es sich bei Apparat in die weichliche Gesamtanmutung der Musik.

Sehr gut gefallen hat mir auch die metrosexuelle Ästhetik der Band. Der attraktiv verwahrloste Look von nicht jungen Dreitagebartträgern wurde hier mit neckischen Details angereichert wie einem schlabbrigen Langärmelhemd, dessen verrutschter Ärmel eine  schillernd verschwitzte Männerschulter entblößte. Schön! Ädaquat klang der Abend dann aus bei einem Gläschen Kognak am lustig prasselnden Kaminfeuer der Berghain Kantine.

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