Hey! Ich bin jetzt alt! Hey! Bald bin ich kalt!

Laub fällt, Nebel wallen, Herzen erstarren: Der Herbst schickt sich an, in den Winter zu münden, die Menschen rücken zusammen und verschwinden in ihren Bauten. Vieles geht jetzt zu Ende, zum Beispiel auch die Festivalsaison. Die im Jahreslauf traditionellerweise letzte Veranstaltung dieser Art  ist der „Rolling Stone Weekender“, der am Freitag und Sonnabend wieder einmal  in Weißenhäuser Strand abgehalten wurde, einer Ferienanlage an der holsteinischen Ostsee.

Rund 4 000 Menschen kamen dorthin, um  in kleinen Apartments mit Blick auf den Strand oder (wie ich) auf eine Straße und einen Schornstein zu wohnen und sich in einem großen Zelt und ein paar kleineren Sälen Konzerte von beispielsweise Calexico, den Tindersticks, Animal Collective, Poliça und Van Dyke Parks anzusehen; aber auch von Tocotronic, die bei dieser Gelegenheit erstmals  zwei Stücke aus ihrem im Januar erscheinenden Album „Wie wir leben wollen“ darboten, darunter das Lied „Im Keller“  mit der in seiner trotzigen Euphorie und Weisheit schwer schlagbaren Mitsingzeile:„Hey! Wir sind jetzt alt! Hey! Bald sind wir kalt!“

Nachdem wir uns am Sonntag dann bei blickdichtem Bodennebel den Weg zurück nach Berlin gebahnt hatten, wäre ich abends noch gerne – ich bin ja gesellig  – zu dem Geheimkonzert von Rihanna im E-Werk gegangen, wurde aber zuvor von den zuständigen Kollegen von der Plattenfirma Universal Music darüber informiert, dass ich ausdrücklich nicht eingeladen bin. So stand ich zeitgleich stattdessen an meinem Lieblingstresen und ließ mir von den im Gegensatz zu mir zu Rihanna vorgelassenen und darob zusehends übelgelaunten Kollegen den Verlauf der Veranstaltung in Kurznachrichten übermitteln.

Wenn ich es recht verstanden habe, ging Rihanna nicht nur mit drei Stunden Verspätung auf die Bühne, sondern bot, als sie kurz vor Mitternacht endlich aufzutreten geruhte, fast sämtliche Titel zu Vollplayback dar, wobei sie beim Lippenbewegen und Tanzen wiederum diverse Einsätze verpasste, weswegen sich der Saal schon wenige Minuten nach Beginn ihres Auftritts zur Hälfte leerte. Eine Exklusivveranstaltung der Herzen! Sollten Sie, liebe Leser, sich das Gleiche auch mal ganz unexklusiv zu überhöhten Preisen ansehen wollen: Am 2. Juli 2013 tritt Rihanna in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof auf.

Ganz großartig, ich möchte fast sagen: Zum Niederknien war hingegen am Montagabend der Auftritt meiner aktuellen Lieblingssängerin Jessie Ware im Bi Nuu Club am Schlesischen Tor; über ihr sensationelles Debütalbum „Devotion“ habe ich in dieser Zeitung ja schon ausführlich berichtet. Im Bi Nuu spielte sie nun ihr erstes Deutschlandkonzert, und zwar unter maximal erschwerten Bedingungen: Einerseits war sie, wie sie am nächsten Morgen im Interview erzählte, gerade erst von einem Magen-Darm-Virus genesen; andererseits hielt es der Mann am Mischpult auch für eine gute Idee, ihre Stimme so weit in den Hintergrund zu mixen, dass man sie kaum noch hörte. Ersatzweise bekam man einen sehr plastischen Eindruck vom kompetenten Spiel der Rhythmussektion! Doch egal, selbst im tiefsten Klangschlamassel noch umweht diese Frau eine Aura wie keine andere Sängerin zur Zeit, und bei Stücken wie „Night Light“  schmilzt mein Herz auch dahin, wenn meine Ohren nichts hören. Am 26. März 2013 ist Jessie Ware wieder in Berlin zu sehen, und zwar im Berghain: Es besteht berechtigte Hoffnung darauf, dass  dort auch ihre Musik mal zur Geltung gelangt.

Bereits am nächsten Dienstag, den 27.11., heißt es wieder „Livekritik und Dosenmusik“ im Roten Salon. Zu Gast bei der Popkritik-Show  von Tobi Müller, Sebastian Zabel und mir ist dann der berühmte Maler, Musikfreund und Denker Daniel Richter. Kommen Sie alle, das wird interessant! Beginn ist um 21 Uhr.

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