Ik sech dat mol op Ingelsch

In der vergangenen Woche habe ich mich an anderer Stelle in dieser Zeitung mit dem faszinierenden Comeback der legendären Techno-Pioniere von Fraktus befasst, einem aus Brunsbüttel stammenden Trio von sozialkritisch interessierten Minimal-Elektronik-Tüftlern, das nach über 30 Jahren nun endlich die verdiente Anerkennung erhält.
Ein Film erzählt die Geschichte von Fraktus und ihrer Wiederauferstehung; eine Reunion-Tournee, die in der letzten Woche mit einem triumphalen Konzert im Festsaal Kreuzberg begonnen hat, erfreut sich derart großen Publikumszuspruchs, dass für Januar und Februar 2013 bereits  Zusatztermine gebucht werden mussten. Und wie die Berliner Zeitung aus dem Umfeld der Gruppe erfuhr, ist nicht nur für das bereits laufende Weihnachtsgeschäft die Wiederveröffentlichung einer ultrararen Fraktus-7-inch-Doppel-A-Seiten-Single mit Electronic-Body-Music-Interpretationen von „Jingle Bells“ und „Little Drummer Boy“ annonciert; auch haben die britischen Fraktus-Verehrer von Depeche Mode angedeutet, dass bei ihrem Konzert im Olympiastadion im Juni 2013 als Vorgruppe Fraktus auftreten könnten.

Auch von Ihnen, liebe Leser, habe ich in der vergangenen Woche zahlreiche Zuschriften zum Thema erhalten; in manchen von ihnen wurde indes die Ansicht vertreten, dass es die Band Fraktus in Wirklichkeit gar nicht  gibt.

„Der Film ist ein einziger Fake“, glaubt beispielsweise Herr Oliver Ristau aus 22765 Hamburg. „Aber das“, so Herr Ristau weiter, „weiß man wahrscheinlich nur, wenn man die 80ziger und ihre Musik wirklich gehört hat und seine Infos nicht nur der beiliegenden Presseinfo entnimmt.“

Ähnlich Herr Norbert Berg aus 65187 Wiesbaden: „Sehr geehrte Damen und Herren, ihr Redakteur Balzer ist entweder der gut gemachten Fiktion aufgesessen oder er hat schlecht recherchiert und kennt sich nicht in der Musikgeschichte aus, denn er schreibt seinen Artikel so, als ob die Band Fraktus in den 80er-Jahren Realität gewesen wäre. Dabei müsste er nur auf Wikipedia gehen und kann dort alles genau nachlesen.“

Als echter Fraktus-Fan erweist sich hingegen Herr Krischan Brummbaß aus  22525 Wüppedemoor. Er schreibt: „Veelen Dank för de dore Reportaasch. Fraktus, de hebbt ok bi uns opspeelt bi’n Dans op de Deel in Wüppedemoor. Bannig scheune Erinnerung. Uns Dörpsblatt hett nienich dor wat öber bröcht. Harrn sachs wat anners to bedenken in de Johrn, Brokdörp un all dat. Ik sech dat mol op Ingelsch: ,Let’s hear for Jens Balzer!‘“

Apropos Brummbaß. Die schönsten brummenden Bässe der aktuellen Saison habe ich auf dem Album „Shrines“ von dem kanadischen Duo Purity Ring entdeckt;  auch mein derzeit liebstes Liebeslied findet sich dort. „Komm ein bisschen näher / und schneide mir den Brustkorb entzwei / ziehe meine kleinen Rippen fest um Dich“: So säuselt es Purity-Ring-Sängerin Megan James in dem Stück „Fineshrine“, welches davon handelt, dass ein liebendes Mädchen ihren lieblichen Leib dem geliebten Manne als Schrein darzubieten gedenkt.

Herrlich, wie James mit ihrer Kleinmädchenstimme über den zäh schwappenden Beatwellen ihres Partners Corin Roddick schwebt und ihren Wunsch nach körperlicher Vereinigung formuliert. Wobei Vereinigung in diesem Fall eben nicht bloß bedeutet, dass Megan James ein Glied in ihrer Vagina spüren will. Diese Liebe geht tiefer! Sie will Därme mit Därmen umschlingen und Knochen mit Knochen verkeilen, und wenn sie sagt, dass sie ihr Herz verschenkt, dann verschenkt sie nicht irgendein Liebessymbol, sondern vielmehr das rhythmisch zuckende Ding schräg über der Milz.

Am heutigen Mittwoch  (20 Uhr) treten Purity Ring beim Certain People Abend im Berghain auf, zusammen mit dem ebenfalls aus Kanada kommenden Produzenten Airick Woodhead alias Doldrums  und dem kalifornischen Produzenten Michael Tucker alias Blood Diamonds, der im letzten Jahr mit seinem im Duett mit Grimes dargebotenen Stück „Phone Sex“ bekanntgeworden ist. An den Plattentellern: Martin Hossbach und der bescheidene Verfasser dieser Kolumne mit erotischer Musik aus fünf Jahrzehnten. Ein denkwürdiger Abend, den Sie nicht verpassen sollten! Und das ist mein voller Ernst.

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