Ich brauche keinen Wal, ich brauche ein Regal

Die Überwindung der traditionellen Geschlechtergrenzen sowie die Kritik des heterosexuellen Imperativs und  der patriarchalen Strukturen in Wissenschaft,  Kunst und Gesellschaft sind schon immer ein zentrales Anliegen der Popredaktion der Berliner Zeitung gewesen. Darum gehört das Magazin „Missy“ auch zu unserer regelmäßigen Lektüre! In der aktuellen Ausgabe der seit vier Jahren vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift stellt beispielsweise der feministische Theoretiker Simon Reynolds seine Lieblingsmusikerinnen vor und nennt Songs, bei denen er weinen muss (zum Beispiel „Autobahn“ von Kraftwerk); auch gibt es Artikel über das postmigrantische Theater von Shermin Langhoff und eine Kritik der Kinderzimmerausstattungsindustrie, die das Farbempfinden von Mädchen massiv in Richtung Pink manipuliert!

Leider befindet sich dieses stets anregende und unterhaltsame Heft nach Angaben seiner Redakteurinnen gegenwärtig in einer ökonomischen Delle, weswegen sie eine Abo-Kampagne mit dem Titel „Miss No Missy“ gestartet haben und am morgigen Donnerstag, den 29. November, zu einem Solidaritätskonzert in den Festsaal Kreuzberg einladen. Dort spielt einerseits (ab 21.30 Uhr) das fabelhafte hessischstämmige Riot-Grrrrl-Duo Jolly Goods sowie andererseits unsere Lieblingsalleinunterhalterin und Sexualberaterin Peaches mit ihrer Demonic Dancer Posse. Ich sage: eine sehr gute Sache!

Ebenfalls sehr gut ist die Nachricht, die ich an dieser Stelle ergänzend noch für die Freundinnen und Freunde von Peaches vermelden kann: In der kommenden Woche bringt sie nämlich eine neue Single heraus, die man im Peaches’schen Gesamtschaffen dereinst zweifellos als Wendepunkt werten wird. Für „Me, Myshelf And I“ hat sie sich  nicht nur mit dem Berliner Vorzeige-Intellektuellen, Akademiegründer  und Konzeptregalbauer Rafael Horzon zusammengetan, sondern singt erstmals in ihrer langen Karriere auch einen Text in deutscher Sprache, und zwar ein von Rafael Horzon verfasstes lyrisches Lob des Regals. „Ich brauche keinen Mann / ich brauche keine Frau / ich brauche keinen Wal / ich brauche ein Regal“ heißt es etwa in diesem Text, der mithin das Patriarchat und den Feminismus zugleich zugunsten einer  geschlechtergrenzenübergreifenden Regalophilie zu überwinden versteht. (Musikalische Leitung: Armin von Milch.)

Noch ein weiterer feministischer Theoretiker ist in der nächsten Woche im Festsaal Kreuzberg zu sehen: Der mysteriöse  Bart-, Zopf- und Bartzopfträger Hans Unstern stellt hier am Mittwoch, den 5. Dezember, sein neues Album „The Great Hans Unstern Swindle“ vor, ein Werk, in dem die Phantasmen der männlichen Selbstidentifikation einer rücksichtslosen Zerreißprobe unterzogen werden.  Gleich das erste Lied des Albums widmet Hans Unstern beispielsweise einem von Männern gern geleugneten Gefühl: „Ich schäme mich“! Diesen Satz trägt er so lange immer wieder mit seiner sehr weichlichen Stimme vor, bis man sich selber für Hans Unstern zu schämen beginnt: Zu Maultrommel und Tuba, schepperndem Schlagzeug und sämigen Streichern schüttet er sein Herz aus und bekennt sich zu seinen Fehlern.

Das Interessante ist aber, dass man Liedern wie diesem – insgesamt acht finden sich auf der LP – bald anhört,  dass sie gelogen sind. Hans Unstern singt wie ein ausgebuffter Althippie, der junge Mädchen so lange mit pseudoauthentischem Kram vollzulabern versteht, bis sie vor lauter Sich-gut-aufgehoben-fühlen willig zum Geschlechtsverkehr werden. Feminines Gezauder und roher Machismo, falsche Ehrlichkeit und ehrliche Falschheit werden hier in ästhetisch  interessanter und sexualpolitisch emanzipatorischer Weise ineinander verschränkt: Hans Unstern ist der neue Superstar des metrosexuell unseriösen Wahrhaftigkeitspops.

Post to Twitter

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.