Schizophren und polygam

Ariel Pink’s Haunted Graffiti musizierten im Festsaal Kreuzberg in kompetent verwirrender Weise

Zunächst ist er nur ein Videobild auf der Bühnenleinwand: Die erste Viertelstunde seines Konzerts verbringt Ariel Pink im Backstage-Bereich und singt seine Lieder aus vollem Halse von dort. Während seine Begleiter von der Haunted-Graffiti-Band mit hoher Kompetenz den an der Oberfläche durchaus oberflächlich wirkenden, aber tief drunten und drinnen natürlich total vertrackten Lo-Fidelity-Synth-Kirmes-Pop ihres neuen Albums „Mature Themes“ zur Darbietung bringen, lässt der Bandleader sich wie ein dazu karaokesingender Solokünstler per Videokamera  übertragen, welche von seiner Ex-Freundin Geneva Jacuzzi in sachangemessen wackliger Weise gehalten wird. Und als er dann doch leibhaftig in den ausverkauften Saal tritt, tummelt er sich – während die Videokamera nun das selbsterzeugte Bild auf der Leinwand abfilmt und wieder auf diese überträgt und damit an Musikfernsehsendungen der Siebzigerjahre erinnernde Effekte erzeugt – am liebsten drunten im Publikum; so als wolle er beim Vor-die-Öffentlichkeit-treten sich gleichsam vor dieser in ihr verstecken.

Dabei ist Ariel Pink so ein hübscher Kerl! Für jede libidinöse Verfasstheit hat er etwas zu bieten. Mit seinem Mondgesicht und seiner blondierten Bobfrisur sieht er aus wie eine Mischung aus Sebastian Krumbiegel und Jeffrey Lee Pierce, was vor ihm fraglos in dieser Form noch niemandem gelungen ist; er trägt einen im Scheinwerferlicht leicht ölig glänzenden Kunstlederblouson, der beim Betrachter sofort den Eindruck erweckt, dass der Mann darunter ansonsten nackt ist und wohl auch ein wenig riecht.

Entdeckt wurde Ariel Pink vor einigen Jahren von den geistesverwandten Waldorfschulpsychedelikern von Animal Collective. Auf deren Label Paw Tracks brachte er seine ersten Alben heraus. Auch mit dem neomaoistischen Retro-Wave-Crooner John Maus verbindet ihn eine künstlerische und persönliche Freundschaft. Doch wo Maus sich bei seinen Konzerten bekanntlich binnen weniger Minuten in ein zuckendes Testosterontier verwandelt, pflegt Ariel Pink eine kühl kalkulierte Verwirrungsästhetik, in der weniger der Körper zu schwitzen beginnt als vielmehr der Geist.

Seine Lieder heißen zum Beispiel „Schnitzel Boogie“ und „Symphony of the Nymph“. Allerdings isst Ariel Pink nach eigener Auskunft gar nicht so gerne Schnitzel, sondern lieber Würste mit Chili-Gewürz; letztere erwirbt er – daher der Name des Stücks – zumeist in einer neben seinem Apartment in Los Angeles gelegenen Filiale der Wienerschnitzel-Schnellrestaurantkette.

„Symphony of the Nymph“ wiederum eröffnet den Abend im Festsaal in einer mit dem Beatles-Frühwerk „Love Me Do“ verschnittenen Version, was gut die komplexe Verschränkung von Tradition und Moderne umreißt, die an der Musik von Ariel Pink so bemerkenswert ist. Das vollverspiegelte Popschelmentum des Nullerjahre-Hipsters trifft hier – nicht zuletzt in den herrlichen Männerchorharmonien – auf eine musikalische Virtuosität, wie sie sonst kaum ein Popschelm vorzuweisen vermag. Der fluffige Yachtrock  von Ariel Pink könnte vor allem zum Ende des Abends auch von Hall & Oates stammen. Nur dass diese nie so schön über die Wonnen der Schizophrenie und Polygamie sangen wie er.

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