Interview mit der neuen Berliner Musikbeauftragten Katja Lucker

Berlin gibt sich gerne als Hauptstadt der europäischen Popkultur, aber die Probleme der Szene sind vielfältig: Die anhaltende Krise des Tonträgergeschäfts nimmt den Musikern die Daseinsgrundlage; wegen explodierender Mieten und lärmempfindlicher neuer Nachbarn werden viele Clubs aus der Innenstadt verdrängt; wer bislang überlebte, wird von der Gema mit willkürlichen Abgabenerhöhungen bedroht. Um die Probleme zu sichten und lindern, hat der Berliner Senat das neue Amt einer Musikbeauftragten geschaffen; zum 1. Januar wurde jetzt die Kulturmanagerin Katja Lucker (43) auf diesen Posten berufen. Die gelernte Schauspielerin hat Konzerte und Festivals organisiert und das Programm des Kesselhauses der Kulturbrauerei geleitet; sie hat in diversen Musiknetzwerken gewirkt, unter anderem im Kuratorium der Berlin Music Commission.

Frau Lucker, Sie treten zum neuen Jahr das Amt als Musikbeauftragte des Landes Berlin an; zu Ihren ersten Aufgaben wird es gehören, ein Musicboard zu gründen. Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Das Musicboard soll Popmusik und Popkultur fördern, es soll eine Anlaufstelle für Musiker sein und für Menschen, die in der Musikbranche beschäftigt sind. Es soll als Schnittstelle zwischen der Szene und der Verwaltung dienen; wir wollen uns neue, kluge Förderprogramme ausdenken – und erstmal transparenter machen, was es an Förderprogrammen für den Pop bereits gibt.

Das Vorbild dafür ist das Medienboard?

Genau, das Medienboard greift ja Filmschaffenden unter die Arme, versorgt sie mit Informationen und hilft ihnen bei der Arbeit. Ich hatte schon vor längerer Zeit eine ähnliche Institution für die Popmusik angeregt und skizziert. Dass das nun auch umgesetzt wird, haben wir vor allem Björn Böhning zu danken, dem Chef der Senatskanzlei. Der interessiert sich für solche Themen – wohl auch, weil er selber noch jünger ist. Böhning ist knapp über 30, seine Referentin Tatjana Kaube Ende 20. Die sind jünger als wir beide!

Ja, deutlich.

Seit ich dieses Amt habe, steht mein Alter in allen Zeitungen, das ist wirklich schlimm. Ich hab schon E-Mails bekommen, wo mir jemand schrieb: Was? So alt bist du schon? Hätte ich nicht gedacht!

Wieviele Leute werden denn nun in diesem Musicboard arbeiten?

Na ja, alleine kann ich das natürlich nicht schaffen, andererseits habe ich nur einen Etat von einer Million, und ich möchte auf keinen Fall, dass der Löwenanteil davon für Personalkosten draufgeht. Ich brauche jemanden für die Finanzen – wir verwalten da öffentliche Gelder -, einen Büroleiter und dann noch jemanden, der inhaltlich mitdenkt. Also wahrscheinlich arbeiten wir erstmal zu viert. Zurzeit suche ich nach geeigneten Räumen, am besten in der Nähe von anderen Leuten aus der Musikbranche.

Zu Ihren Aufgaben wird es gehören, Drittmittel einzuwerben. Wo könnten die denn herkommen?

Ich denke, es kann neue Kooperationen geben, zum Beispiel auf Bundesebene, Mäzenatentum aus der freien Wirtschaft wäre auch ein Weg. Es gibt so viele staatliche Fördermittel, die von Popmusikern nicht berücksichtigt werden. Zum Beispiel der Hauptstadtkulturfonds, der hat gerade seine neue Förderliste veröffentlicht – und er fördert exakt ein Popmusikprojekt. Das muss nicht so sein! Und die Kulturstiftung des Bundes sagt, dass sie auch gerne Popkultur-Themen fördern würden, aber es kämen gar keine Anträge herein. Zu meinen ersten Amtshandlungen wird eine Veranstaltung gehören, zu der alle aus Senat und Verwaltung eingeladen werden, die über Popfördergelder entscheiden – sodass die Szene sich überhaupt mal über die Angebote informieren kann. Wussten Sie, dass der Senat eigene Tonstudios unterhält?

Nö.

Und es gibt Popförderprogramme in Höhe von 300 000 Euro. Wissen bloß die wenigsten…

Stimmt. Wobei es unter Popmusikern ja auch genug Leute gibt, die öffentliche Fördergelder ablehnen.

Ja, weil die Antragschreiben uncool finden. Aber da müssen die durch, die goldenen Jahre der Tonträgerindustrie sind vorbei.

Und wie sollen neue Förderprogramme aussehen?

Ich glaube, da sind ganz neue Ansätze gefordert. Es gibt ja bisher keine Förderkultur für den Pop, anders als in allen anderen Künsten. Es gibt kein Pop-Äquivalent zu Literatur- und Künstlerstipendien, Filmförderprogrammen … Warum richten wir nicht so etwas wie Residenzprogramme ein, wo die Leute eine Zeit lang ohne Geldnot ungestört arbeiten können? Ich glaube, wir brauchen so etwas wie eine Villa Massimo für den Pop.

Viele Clubbetreiber wären schon froh, wenn man sie einfach nur in Ruhe arbeiten lässt, ohne ständig ihre Abgaben und Steuern zu erhöhen. Stichwort Gema, Stichwort Umsatzsteuer…

…ja, das ist ein Unding, dass den Clubs plötzlich höhere Steuern abverlangt werden, weil irgendwer der Ansicht ist, dass das, was da passiert, keine Kultur ist.
Im Januar hat Senatssprecher Richard Meng versprochen, man werde sich des Umsatzsteuer-Problems umgehend annehmen. Nichts ist passiert – einen Antrag der Linken im Kulturausschuss, Clubs als Kulturinstitutionen zu werten und damit den niedrigeren Steuersatz festzuzurren, hat die Koalition ausdrücklich abgelehnt.
Ich weiß. Meine Aufgabe wird es sein, nachzufragen, dafür zu sorgen, dass solche Versprechen gehalten werden. Immerhin werden die Wege verkürzt: Es wird in der Senatskanzlei eine Referentenstelle geschaffen, die sich um Musik kümmert – analog zu der Referentenstelle für Film, die mit dem Medienboard eingerichtet wurde. Dieser Referent für Musik wird mein Ansprechpartner.

Sie lassen sich von einem Beirat unterstützen. Wer sitzt da drin? Wie läuft das Berufungsverfahren? Die Grünen haben vorsorglich schon mangelnde Transparenz beklagt.

Ich will sieben bis neun Leute. Es wird jemand von der Senatskanzlei drin sein müssen; einer aus der Wirtschaftsverwaltung; ein kluger Popkopf; ein cooler Labelmacher; ein Booker; ein Auskenner für Liegenschaften und Lärmschutz. Die Netzwerke werden eingebunden, ein Musiker sollte dabei sein. Ich schlage dem Senat eine Besetzung vor und der stimmt zu oder nicht. Wenn die Grünen sehen, wen ich da berufen möchte, werden sich die Bedenken schon zerstreuen. Das werden keine schlimmen Leute sein.

Wie ist die Resonanz aus der Szene?

Bislang sehr positiv; die Leute finde es gut, dass kein Parteiengewächs auf den Posten kommt. Ich bin ja politisch völlig unabhängig.

Post to Twitter

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.