Puschelpunk mit Plexiglas

Mission of Burma spielten im Festsaal Kreuzberg

Hier treffen sich ruppiger Punkrock und verfeinertes Virtuosentum, das sieht man schon beim ersten Blick auf die Bühne. Der Schlagzeuger hat sich vor seinem Gerät eine schalldämmende Plexiglaswand errichten lassen, auf dass sein kraftvolles Spiel die filigrane Kommunikation unter den anderen Instrumenten nicht zu sehr niederringt; so etwas hat man zuletzt vor fünf Jahren bei Phil Collins und Genesis im Olympiastadion gesehen. Der Gitarrist hingegen spielt ohne Monitorbox und hinter seinem Bühnenverstärker, so dass man sich kaum vorstellen kann, dass er von seiner Musik selbst überhaupt etwas hört. Und dennoch harmonieren Gitarre und Schlagzeug fabelhaft miteinander und auch mit dem immer wieder melodisch sich verselbstständigenden Bass; vom Bühnenrand manipuliert ein viertes Bandmitglied unsichtbar, aber überaus hörbar den Sound, flauscht die Gitarre in puschligen Hall und umzingelt die Rhythmussektion mit konzentrisch kreisendem Krach.

Mission of Burma heißt dieses fabelhafte Quartett, das am Mittwoch im Festsaal zugleich ein Debüt- und ein Comeback-Konzert absolvierte. Vier Jahre dauerte die erste Karriere der Bostoner Band, von 1979 bis 1983: Den Haudraufundschluss-Hardcore-Punk der späten Siebzigerjahre verband sie mit einer manchmal geradezu possierlichen Leidenschaft für selten benutzte Taktmaße und hakenschlagend hin und her hoppelnde Akkordprogressionen. „Eigentlich sind wir verklemmte Prog-Rocker, die zufällig in die Punkszene hineingeraten sind“, hat der Sänger und Bassist Clint Conley später einmal gesagt. Die Zeitgenossen waren von dieser Musik zum Teil sehr begeistert, zum Teil aber auch sehr irritiert. Die konservative Hardcore-Gemeinde verschmähte das 82er-Albumdebüt „Vs.“ wegen seiner nach Jazz riechenden Komplexität; andererseits findet sich in der Rock-Avantgarde der Achtzigerjahre von Sonic Youth über die frühen R.E.M. bis zu Nirvana kaum jemand, der nicht den ungeheuren, ohrenöffnenden und musikmotivierenden Einfluss dieser Band preist.

Mission of Burma selbst lösten sich 1983 auf und fanden erst 2002 wieder zusammen. Seither haben sie vier Alben herausgebracht – das jüngste, „Unsound“, ist im Herbst erschienen – und touren munter durch die Welt. Bloß in Berlin waren sie noch nie zu sehen. Umso größer war das Glück, das man bei ihrem Konzert verspürte: über die ungeheure Lebendigkeit dieser Band und ihrer Musik, über ihre historisch gewordene und doch immer noch zukunftsweisende Art des virtuosen, aber niemals maskulinistischen Rock. „That’s When I Reach For My Revolver“ heißt der größte Hit, den Mission of Burma am Ende des Hauptteils spielten. Doch bis heute droht niemand so sanft und liebevoll mit Gewalt wie sie.

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