Wände sind zum Trennen da

Das letzte Laub ist verfault, der Winter naht; gern lässt man den Blick nun über die Stadt schweifen und erinnert sich an das, was einmal war. Den Montagnachmittag verbrachte ich im Firmenhaus von Universal Music mit seiner spektakulären Sicht auf die Spree; hier wurde ein geselliger Expertenplausch über die Zukunft des Musikstandorts Berlin abgehalten.

Was ich bislang nicht wusste: Zur diskussionsfördernden spontanen Kleingruppenbildung lässt sich der Universal Konferenzraum mit auf Knopfdruck herunterschnarrenden beweglichen Wänden binnen weniger Sekunden in drei gleich große Teile zerteilen! Ein architektonisches Detail, das mich an den Sportunterricht meiner Jugend in westdeutschen Turnhallen der 80er Jahre erinnerte – auch diese ließen sich auf Knopfdruck halbieren oder zerdritteln, wenn bei der körperlichen Ertüchtigung etwa die Jungen von den Mädchen oder die sportlich begabten Schüler von den besonders Unsportlichen (also zum Beispiel von mir) getrennt werden sollten. Ich persönlich habe zum Schulsportunterricht nie eine positive Beziehung entwickeln können und zu Turnhallen nur insofern, als sich in den Unterrichtspausen hinter ihnen gut rauchen ließ. Hinzufügen möchte ich noch, dass beim Herunterlassen vollautomatischer Trennwände während laufender Diskussionsrunden Vorsicht geboten ist, am Montagnachmittag wurde einem bekannten Berliner Konzertveranstalter dabei beinahe der Schädel rasiert.

Später am Abend trabten wir dann schweigend vom Universal Haus über die klirrend kalte Oberbaumbrücke nach Kreuzberg, um auf der dortigen Spreeseite die Weihnachtsfeier des City Slang Labels zu besuchen. Diese fand im Fluxbau statt, einem von den Kollegen des Flux FM Radiosenders betriebenen doppelstöckigen Veranstaltungszentrum direkt am Ufer, in dessen oberer Etage man an rustikalen Holztischen sitzen und trinken und den auf der Spree vorbeitreibenden toten Enten hinterhergucken kann, während in der unteren Etage schöne Konzerte abgehalten werden: so an diesem Abend von dem sudanesischstämmigen New Yorker Sänger Ahmed Abdullahi Gallab und seinem Quartett Sinkane, das am kommenden Freitag bei City Slang sein Albumdebüt „Mars“ herausbringt. Heiter glucksende westafrikanische Juju-Gitarren verbinden sich mit psychedelischem Georgel und einem gelegentlich hinterrücks in den Hintern tretenden Funk-Bass. Eine tolle Band!

Nicht so toll ist hingegen die Lage bei der Firma Cooperative Music, deren deutsche Mitarbeiter sich mit City Slang zur Zeit noch die Büros in der Dieffenbachstraße teilen. Cooperative ist eine Tochter von Universal, die kleine Indie-Labels fördert, betreut und vertreibt und uns so in den letzten Jahren viel interessante Musik beschert hat. Weil Universal die bankrotte EMI gekauft hat, verfügte nun aber der EU-Wettbewerbskommissar, dass neben anderen Unternehmensteilen auch Cooperative abgetrennt werden muss. Wie es aussieht, wird wohl die belgische Konkurrenzfirma PIAS den Zuschlag erhalten, die ihre Deutschland-Filiale in Hamburg betreibt. Dass Cooperative Music in der bisherigen Struktur und in Berlin weiter betrieben wird, ist kaum zu erwarten. So wird – da hilft aller Expertenplausch nichts – unser Musikstandort 2013 wieder ein wenig ärmer geworden sein.

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