Solange Solange beim Abendbrot saß

Kurze Städtetrips liegen weiter im Trend, in der breiten Bevölkerung wie im Besonderen unter leidenschaftlichen Konzertbesuchern; wer dem Ruf der Musik folgt,  gelangt dabei auch an Orte, die er sonst niemals betreten würde. So gelangte ich zum Beispiel neulich nach Düsseldorf!  Dorthin reiste ich (wie in dieser Zeitung bereits berichtet), um dem ersten von jenen acht Konzerten beizuwohnen, die die Düsseldorfer Gruppe Kraftwerk in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen als „Werkretrospektive“ absolvierte. Ich checkte in einem schnuckeligen Altstadthotel unweit der „Kö“ ein  und begab mich zunächst ins benachbarte NRW-Forum, wo am früheren Abend eine Ausstellung mit Kraftwerk-Bildern des Fotografen Peter Böttcher eröffnete.
Vor der Tür traf ich einen Berliner Kollegen, der drinnen  bereits erfolglos versucht hatte, ein Bier zu bekommen; in Düsseldorf wird auf Vernissagen aber ausschließlich Wein ausgeschenkt. Der Kollege war davon  so verstört, dass er sofort nach Köln weiterreiste, wo es ja aber auch kein Bier gibt, sondern lediglich Kölsch. Ich hingegen besah mir die geschmackvoll komponierten Roboterbilder und besuchte anschließend das Kraftwerk-Konzert, um den Abend dann in einer auf „Alt“-Bier spezialisierten Gaststätte ausklingen zu lassen.

Oder was man eben so „ausklingen“ nennt: Denn als ich später des Abends ins Hotel zurückkehrte, hatte sich die beschauliche Altstadtmeile drumrum in eine Ballermannhölle erster Klasse verwandelt. Horden halberwachsener Ghetto-Style-Träger und junger Frauen im aktuellen St.-Petersburg-Schick marodierten durch die possierlichen Gassen, und mein Zimmer erwies sich als direkt über einem Elektropop-Etablissement für den etwas einfacheren Geschmack gelegen: „Untsch! Untsch! Untsch! Captain Jack!“ Wenn  Kraftwerk, wie ihre Anhänger behaupten, die gesamte elektronische Musik  der Neuzeit im Alleingang erfunden haben, muss man sie auch für diesen  präzivilisatorischen Unfug zur Rechenschaft ziehen. „Untsch! Untsch! Untsch!“  An Schlaf war in Düsseldorf jedenfalls nicht zu denken, trotz Ohropax und drei Kissen über dem Kopf. Am nächsten Morgen fuhr ich, immer noch wach und inzwischen leicht halluzinierend, zurück nach Berlin.

Wo ich eine vergleichbare Klangkulisse gleich wieder erlebte: bei dem Abend, den das öffentlich-rechtliche „Ultraschall“-Festival am letzten Donnerstag im Berghain veranstaltete. Eine Künstlergruppe namens Soundwalk Collective hatte das gesamte Gebäude mikrofoniert und spielte die sich daraus ergebenden Geräusche, elektronisch bearbeitet und rhythmisiert, ins Publikum zurück: „Untsch! Untsch! Untsch! Düsseldorf!“ Wer sich das selber auch einmal anhören möchte: Beim Club Transmediale sind Soundwalk Collective erneut zu erleben, und zwar am Dienstag, den 29.1., im Berghain; hier werden sie die Konzerte von Emptyset und Diamond Versions aufnehmen und anschließend in der Panorama Bar wieder abspielen.

Und was war noch so los in der vergangenen Woche in unserer kleinen Stadt? Eher enttäuscht war ich von dem Auftritt, den die Zeitlupenkrautrockinterpretin Anika beim „Certain People“-Abend im Berghain absolvierte; ihre Mischung aus Schulmädchencharme und Schlafzimmererotik verpuffte im Gewölbe gänzlich. Ebenso prima wie ihr erster Berlin-Auftritt im letzten Frühjahr im Privatclub war hingegen das Konzert, das die Londoner Doom-Folk-aber-auch-Blues-Sängerin Al Spx mit ihrer Band  Cold Specks am Freitag im Postbahnhof gab; anders als Anika ist Al Spx charismatisch genug, um auch mit ihren minimalistischen Arrangements größere Räume zu füllen. Wenig sagen lässt sich wiederum über das Konzert von Solange Knowles am Sonntag im Prince Charles am Moritzplatz. Denn wer sich nicht wie unser allzeit tapferer Fotograf Roland Owsnitzki bereits pünktlich um acht in der ersten Reihe postierte, um sich dort dann bis halb zehn, solange Solange  nämlich noch gemütlich mit ihren Musikern beim Abendbrot saß, die Beine in den Bauch zu stehen, hatte in der erstens überfüllten und zweitens architektonisch eher ungünstig geschnittenen Herberge keine Chance, etwas zu sehen.

Solange Solange uns auf den Konzertbeginn warten ließ, blieb mithin viel Zeit, um sich Wortwitze mit ihrem Namen auszudenken. Gern hätte  man dazu auch ein Getränk eingenommen. Doch erweckte das Bar-Personal den Eindruck, an dieser Stelle zum ersten Mal und wohl auch überraschend mit der Tätigkeit des Ausschenkens konfrontiert worden zu sein. Wenn man tatsächlich einmal etwas bekam, war es immerhin Bier und kein Kölsch und kein Alt.

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