Sexismus hat hier keine Chance

Denn diese Männer sind plüschophil: Tocotronic präsentierten im Lido ihr neues Album „Wie wir leben wollen“


Ist Weichheit eine Antwort auf die Härte der Welt? Tout Berlin hatte sich am Sonntagabend versammelt, um der Band Tocotronic beim Versuch der Beantwortung dieser Frage beizuwohnen. Im Lido an der Schlesischen Straße stellten sie ihre neue Doppel-LP „Wie wir leben wollen“ erstmals der Öffentlichkeit vor; und man sagt nicht zuviel, wenn man sagt, dass es ein allseits beglückender Abend war. Kontrovers diskutiert wurde unter den dicht sich drängenden Hörerinnen und Hörern lediglich die neue Frisur des Sängers und Gitarristen Dirk von Lowtzow. Er trägt seinen bislang streng zur Seite gekämmten Scheitel nämlich neuerdings in der Mitte der Stirn; jüngere Lowtzow-Bewunderer fanden, dass er dadurch jünger und auf angenehme Weise weniger gedankenstreng wirkt; die Älteren fühlten sich an die Figur Dorschbert aus den „Mad“-Comics erinnert.

Doch egal: Denn schon nach wenigen Minuten hatte Lowtzow sich beim Musizieren derart verausgabt, dass  seine Haare in alle möglichen Richtungen flogen; so kraftvoll war das Konzert, das er mit seiner Band spielte. Es strotzte nur  so vor Kraft, vor musikalischer Energie – und wahrte doch zugleich ganz den Geist der Weichheit, den Tocotronic auf ihrer Platte beschwören. Dirk von Lowtzow hat seiner früher schon schönen, doch manchmal leicht blasiert wirkenden Stimme ein operettenhaft sich verschwendendes Timbre antrainiert, das ihn sicher noch über die ruppigsten Riffs und durch die schwierigsten Harmoniewechsel trug; Jan Müller spielte seinen Bass so melodisch und singend wie noch nie in seiner Karriere; und der zweite Gitarrist Rick McPhail ließ zu alldem die lieblichsten Gitarrenrückkopplungen blühen: Störgeräusche, die sich nicht – wie bei solchen sonst üblich – splittrig scharf in die Ohren bohrten;  eher krabbelten sie wie pelzige kleine Maden kichernd und kitzlig in die Gehörgänge und kribbeln dann bis zum Verklingen des letzten Tons in der  Hirngegend herum.

Die Rockmusik, die Tocotronic jetzt spielen, hat jede rockmusiktypische Maskulinität überwunden; sie verfällt aber – und das ist das Tolle – wiederum auch nicht in das Gejammer des artifiziell effeminierten Hipster-Mannes, wie man es zuletzt etwa bei Hans Unstern („Ich schäme mich“) anhören konnte. Die Musik von Tocotronic ist weich, aber nicht verweichlicht. Die Kategorie des Harten, als deren Kontrast „Verweichlichung“ als solche sich überhaupt erst begreifen lässt, hat sie so gründlich aus ihrer Ästhetik getrieben, dass sich das Weiche, vom Negativen  befreit, in all seinen Aspekten zur Erscheinung bringen lässt. „Schaum und Stoff / werden zerbrechen / was Körperpanzer falsch versprechen“ heißt es in dem programmatischen Stück „Neue Zonen“: „Wir haben / weiche Ziele / wir sind / Plüschophile“.

Der Saal des Lido war an diesem Abend voller Menschen, die bei den älteren Stücken jede Zeile mitsingen konnten: „Ich weiß nicht, warum ich Euch so verachte, Fahrradfahrer dieser Stadt“, „Aber hier leben? Nein danke!“  Doch waren sie sichtlich – und von welchem Publikum einer schon seit mehreren Jahrzehnten musizierenden Band kann man das sonst behaupten? – auf die neuen Stücke ebenso gespannt wie auf die alten. Mit jeder neuen Platte, jeder neuen Volte ihrer sich weiterhin unaufhörlich im Wandel befindenden Ästhetik vermögen Tocotronic ihre Freunde und wenigstens die klügeren unter ihren Verächtern immer noch, in den Zustand der Neugier, des Zweifels zu versetzen.

Ist Weichheit eine Antwort auf die Härte der Welt? Auf diese Frage können natürlich auch Tocotronic keine abschließende Antwort abgeben, aber immerhin formulieren sie diese Frage so kunstvoll, inspirierend und schön wie  keine andere Gitarrenrockband. Wie sie musizieren, sich bewegen, sich inszenieren, erschaffen sie einen Nicht-Ort, einen  utopischen Möglichkeitsraum: einen Moment der Hoffnung darauf, dass es anders sein könnte; und das heißt ja: dass man anders werden könnte als der, als der man auf die Welt gekommen ist.

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