Telepathisch komponierte Lieder auf Entenlockpfeifen

Heute zunächst wieder: Post von den Lesern. In der vergangenen Woche berichtete ich an dieser Stelle über meine Reise zum Konzert der Elektro-Pop-Avantgardisten von Kraftwerk nach Düsseldorf, in deren Verlauf ich beträchtlich zu spät bemerkte, dass mein Hotel nicht nur mitten in einer Vorstadtjugendlichen-Ballermann-Hölle namens „Altstadt“, sondern überdies auch noch direkt über einem Elektropop-Etablissement für den etwas einfacheren Geschmack gelegen war. Hierzu schreibt mir Frau Christiane Grodotzky: „Hallo Herr Balzer (…), Düsseldorf ist gar nicht eine so schreckliche Stadt, man muss sich nur die Mühe machen, sie bei Tage zu erleben, allein  die Rheinpromenade und das neu gestaltete Hafengelände sind sehenswert. Da meine Tochter dort eine Zeit gewohnt und gearbeitet hat, war ich mehrmals zu Besuch, und ich kann Ihnen  für den nächsten Aufenthalt ein sehr schönes, kleines, ruhiges  Hotel in der Nähe des Bahnhofs empfehlen. Das Personal ist super freundlich und die Zimmer sind sehr geschmackvoll eingerichtet. Das Hotel Lady Astor bzw. Sir Astor befindet sich in der Kurfürstenstraße, die aber nichts gemein hat mit der Kurfürstenstraße in Berlin.“

Vielen Dank, Frau Grodotzky, für diesen Tipp! Sollte ich jemals wieder, was Gott verhüten möge, nach Düsseldorf müssen, werde ich mich auf alle Fälle zu Lady Astor begeben.
Wer sich nicht nur für alte, sondern auch für junge Elektro-Pop-Avantgardisten interessiert, begibt sich hingegen immer wieder gern zum Club Transmediale. Am Montagabend wurde „Berlins bestes Pop-Festival“ (Berliner Zeitung) mit zwei Konzerten im Hebbel-Theater an der Stresemannstraße eröffnet. Eines von diesen Konzerten war kurzweilig, inspirierend und intelligent, das andere Konzert war hingegen beklagenswert beknackt und ärgerlich öde.

Bei dem beklagenswert beknackten und ärgerlichen öden Konzert handelte es sich um den Auftritt der Klangkünstler Marc Behrens und Uwe Schmidt; letzterer wurde unter dem Namen Señor Coconut – womit wir wieder bei Düsseldorf sind – mit Bossa-Nova-Versionen von Kraftwerk-Stücken bekannt. Am Montag nannte er sich hingegen Atom™ und spielte keinen Bossa Nova. Vielmehr riefen Behrens und Schmidt von einer Festplatte eine längliche Montage von kleingefitzelten Klängen ab, die mal aus diesen, mal aus jenen Quellen stammten und mal vorwärts, mal rückwärts abgerufen wurden. Gelegentlich zwitscherte ein Vogel und klackerte ein Beat, ein Song schälte sich aus dem Wirrwarr heraus und verschwand wieder in diesem. Optisch begleitet wurde die Darbietung einerseits von der synchronen Projektion eines Wellendiagramms sowie andererseits von den beiden Künstlern, die freilich nicht, wie bei Elektro-Pop-Avantgardisten sonst üblich, auf Laptops herumdrückten und an Knöpfchen drehten, sondern vielmehr reglos am  Bühnenrand auf zwei antiken Polstersesseln saßen, womit sie demonstrieren wollten, dass bei der konzertanten Darbietung solcher Klänge oder, wenn man es großzügig formulieren will, Musik der vorprogrammierte Rechner ohnehin alles allein macht. Was man allerdings auch vorher schon wusste, weswegen man sich diesenkunstlosen  und auf geradezu beleidigende Weise gedankenarmen Abend hätte sparen können.

Rundum kurzweilig und begeisternd geriet dann glücklicherweise der anschließende Auftritt des kalifornischen Konzeptfricklerduos Matmos, das uns früher schon etwa mit Disco- und Elektroknirschstücken erfreut hat, in denen sämtliche Sounds bei schönheitschirurgischen Operationen gesampelt worden waren oder aber der Beat aus dem Geräusch eines auf eine Metallplatte fallenden Spermatropfens gesampelt wurde: bitsch!

Das neue Werk „The Marriage of True Minds“, das an diesem Abend erstmals der Öffentlichkeit vorstellten, haben Drew Daniel und M.C. Schmidt nach eigener Auskunft nach der Ganzfeld-Telepathie-Methode erzeugt: Mit Denkbefehlen manipulierte Probanden mussten die Musik komponieren! Bei der Umsetzung dieser Idee ließen sich Matmos von einem Gitarristen und einem Schlagzeuger begleiten, wobei der Gitarrist im ersten Stück sogleich in Hypnose versetzt und mit für ihn unsichtbaren Handzeichen dazu gebracht wurde, okkultes Zeug über Dreiecke zu murmeln. Aber wer weiß, vielleicht war das auch alles nur vorgetäuscht. Im Verlauf des Abends boten Matmos dann noch eine an die große Esoterikerin Alice Coltrane erinnernde Space-Orgel-Improvisation dar; auch bliesen sie mit Entenlockpfeifen in eine mit Wasser gefüllte Salatschüssel oder machten Geräusche mit Luftballons, wozu sie ein Video zeigten, in dem jemand versucht, sich einen aufgeblasenen Luftballon in den Bauchnabel zu drücken, was aber nicht glücken will.

Während M.C. Schmidt sich in einen eleganten Bibliothekarsanzug gekleidet hatte, trug Drew Daniel ein T-Shirt mit dem Logogramm des rechtsradikalen norwegischen Black-Metal-Musikers Varg Vikernes alias Burzum, der wegen Kirchenbrandstiftung und des Mordes an einem Mitmusiker fünfzehn Jahre im Gefängnis verbrachte; um sich von diesem Verhalten zu distanzieren, hatte Daniel mit einem Textilstift „Fuck Vargs Politics“ auf das T-Shirt geschrieben. Der Club Transmediale wird heute um 17 Uhr im Hau 2 mit einem fünfstündigen Solokonzert des sexualpolitisch engagierten Pianisten Therre Thaemlitz fortgesetzt.

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