Heilige Jungfrau Maria, Schutzherrin aller Transsexuellen

Grandios: Terre Thaemlitz präsentierte beim Club Transmediale sein neues, knapp 46-stündiges Album „Soulnessless“

Am Mittwoch wurde beim Club Transmediale im Hau2  das längste Langspielalbum der Welt vorgestellt, es heißt „Soulnessless“ und dauert 45  Stunden, 42 Minuten und 56 Sekunden; neben einem rund 30-stündigen Klaviersolo namens   „Meditation über Erwerbsarbeit und den Tod des Langspielalbums“ enthält es vier kürzere Stücke, die sich mit der Beziehung zwischen Transsexualität und Religion befassen, einen 80-minütigen Videofilm und eine 795-seitige PDF-Datei, in der das musikalische und filmische Konzept in zehn Sprachen erläutert und vertieft wird.

Damit handelt es sich nicht nur um das längste Langspielalbum der Musikgeschichte, sondern – wie sein Schöpfer Terre Thaemlitz vor Beginn des Konzerts erläuterte – zugleich um das erste datenmengenmäßig restlos genutzte MP3-Album  in der MP3-Geschichte! Denn während die Standardlänge  von Langspielalben bislang durch das benutzte Material  vorgegeben wurde – 2 mal 20 Minuten auf einer Vinylplatte, rund 70 Minuten auf einer CD –, wurde das Fassungsvermögen von 4 Gigabyte, das eine normale MP3-Datei bei 320 Kilobyte pro Sekunde bietet, nie ausgeschöpft.

Terre Thaemlitz ist es mit seinem Klaviersolo aber gelungen; auch hat er mit den multimedialen Zusatzdateien eine handelsübliche 16-Gigabyte-Micro-SDHD-Karte (in deren Form das Album auch verkauft wird) dermaßen vollgepackt, dass aber auch nicht mehr das winzigste Bit oder Bisschen hinaufpassen will.

Man sieht bereits, dass es sich bei diesem sympathischen Transsexuellen aus Minnesota um einen  ausgebufften Materialästhetiker handelt. Umso interessanter sind die spirituell interessierten ersten vier Stücke des Albums, mit denen Thaemlitz am Mittwochnachmittag auch seinen insgesamt fünfstündigen Auftritt eröffnete. Im dunklen Saal saß er an einigen elektronischen Geräten und spielte minimalistische Motive, während auf einer großen Leinwand dazu Videos und Dokumentarfilmaufnahmen mit ausführlichen kommentierenden Texteinblendungen abliefen.

Das erste Stück „Rosary Novena for Gender Transitioning“ – erfuhren wir auf diese Weise – ist aus einem Interferenzsound entstanden: Als er eine Weile im kalifornischen Oakland lebte, empfing Thaemlitz über ein nicht-entstörtes Kabel in seinem Studio unfreiwillig ein katholisches Radioprogramm; in das Rauschen des Äthers mischten sich Predigten und geistliche Gesänge. „Manche würden sie Nachrichten von Gott nennen“, las man in den projizierten Gedanken des Künstlers: „Für mich waren sie  jedoch äußerst nervig. Ich hasse Religion. Ich hasse alle Religionen. Auch Deine.“

Zu ruhigen Klavierklängen und milchigen Bildern einer Marienstatue erging sich Thaemlitz zunächst in einer ausführlichen antireligiöse Suada – um sich in den folgenden anderthalb Stunden dann aber ausschließlich mit der Beziehung der Religion zum Diesseits zu befassen.

So erläuterte er etwa, warum die Heilige Jungfrau Maria zugleich die Schutzherrin der Transsexuellen ist: Schließlich gebar sie ein Kind, dass – da ohne Vater – ausschließlich weibliches Genmaterial erbte, aber trotzdem als Mann lebte. Auf dem Weg zum Erwachsenwerden müsse Jesus also eine Geschlechtsumwandlung durchgemacht haben. Stimmt!

Auch habe er, Thaemlitz, selber als Teenie diverse Marienerscheinungen gehabt: und zwar auf einem hölzernen Dildo, den er auf seinem Nachttisch aufbewahrte. Nicht zuletzt auf diesem Wege sei er zu seinem Coming-Out gelangt.

In dem Stück „Pink Sisters“ dokumentierte er dann eine Recherche in philippinischen Nonnenklöstern. Hier interessierte er sich besonders für deren Soundanlagen: Mit welchen Mikrofonen, Verstärkern und Boxen werden die Gottesdienste übertragen? Da die meisten musizierenden Nonnen nicht auf Orgeln orgeln, sondern auf elektronischen Keyboards, konnte Thaemlitz ihnen auch Tipps bei der elektronischen Sound-Erzeugung geben; einer Technik-Nonne half er dabei, immer wieder auftretende Mikrofon-Feedbacks zu bannen.
Das war einerseits natürlich überraschend und lustig, doch andererseits niemals albern im Ton: Bei einer Betrachtung der die Klöster umgebenden Slums und der gewalttätigen Männer, die sie bevölkern, sei ihm gerade als Transsexuellem sofort wieder deutlich geworden, warum manche Frauen sich vor so einer Gesellschaft durch Einschluss in Klostermauern schützen.

Wie respektvoll man über Religion reden kann, selbst wenn man sie „hasst“ – darin lag allerdings eine große, in vielen Momenten an diesem langen Abend auch überaus berührende Kunst.

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