Oho, es ist ein Optron

Kurz vor Mitternacht am zweiten Abend des Club Transmediale stehen wir dann irgendwo hinten gegen ein Gitter gequetscht im hoffnungslos überfüllten Berghain, vor dessen Toren immer noch lange Schlangen  von Menschen vergeblich auf Einlass warten, und erfreuen uns an den einerseits komplex konstruierten, andererseits ganz umweglos und unmittelbar auf Kieferknochen, Schläfenlappen und Trommelfell einwirkenden Bässen und Beats von Diamond Version – und denken zugleich daran zurück, wie wir uns auch vor zehn Jahren schon beim Club Transmediale an komplex konstruiertem elektronischem Krach erfreuten, aber damals noch in der Maria am Ostbahnhof und –  an so einem Dienstagabend wie diesem – in der Gesellschaft von höchstens fünfzig versprengten Gesellen.

Was für einen Aufschwung dieses Festival genommen hat! Nicht nur hat es, an Publikum und Reputation gemessen, sein einstiges Mutterschiff Transmediale überflügelt.  Für jeden, der sich für neue, avancierte oder – wie die Veranstalter formulieren – „abenteuerlustige“ Popmusik interessiert, ist es zur wichtigsten Veranstaltung im Land geworden. Und weit darüber hinaus, wenn man das babylonische  Sprachengewirr an diesem Abend hört.

Dabei wird mitnichten nur elektronische Musik geboten: Das Programm am Dienstagabend beginnt  im Hau 1 mit Myrninerest, dem neuen Folk-Ensemble des Current-93-Sängers David Tibet;  zeitgleich kann man im Hau 2 die Rave-Kultur-historische Multimedia-Arbeit „Fiorucci Made Me Hardcore“ des Turner-Preisträgers Mike Leckey betrachten. Im Berghain bietet dann zunächst das in dieser Zeitung bereits gefeierte Bristoler Duo Emptyset seinen analogkomprimierten Techno-Materialismus dar, bevor Diamond Version ihr Bühnendebüt absolvieren. Carsten Nicolai und Olaf Bender – beide als Musiker ebenso bekannt wie als Bildende Künstler – erzeugen an ihren Laptops minimalistische, doch dramaturgisch reich variierte Techno-Strecken. Dazu soliert und improvisiert der japanische Künstler Atsuhiro Ito mit wilden Bewegungen auf seinem Optron, einer mit Tonabnehmern versehenen langen Leuchtstoffröhre, die je nach ihrer Stellung und Haltung sowie der Entfernung und Neigung der Hände des Künstlers unterschiedlichste Störgeräusche erzeugt und dazu auch noch herrlich  im Dunkel des Runds wie ein Darth-Vader-Lichtsäbel leuchtet.

Minimal Techno, Rockstar-Gepose und Science Fiction verbinden sich hier in der zukunftsträchtigsten Weise, die jede Retroseligkeit ranzig und redundant wirken lässt.

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