Das ist sicher toll, aber wozu ist es gut?

Klickerklackerbeats mit schwebendem Winseln: Radiohead-Sänger Thom Yorke und Nigel Godrich präsentierten im Berghain ihr Atoms-for-Peace-Projekt

Wer sich gern grau, trüb und antriebsschwach fühlt, hat in diesen Tagen dazu gute Gelegenheit: Das kurze Versprechen auf Frühling wurde schon wieder gebrochen; noch auf Wochen, wenn nicht Monate werden wir nun wieder ohne Licht und in bitterer Kälte vor uns hin leben müssen. Einen sehr guten Soundtrack für dieses Gefühl der existenziellen Müdigkeit und deprimierenden Perspektivlosigkeit der menschlichen Existenz liefert die britisch-amerikanische Supergruppe Atoms for Peace. Sie besteht unter anderem aus dem Radiohead-Sänger Thom Yorke, dem Red-Hot-Chili-Peppers-Bassisten Flea und dem Multifunktionsmusiker Nigel Godrich; letzterer wurde vor allem als Produzent der meisten Radiohead-Alben bekannt, er hat aber auch mit Paul McCartney dessen 2005er Album „Chaos and Creation in the Backyard“ eingespielt.

Auf ihrem gerade erschienenen Debütalbum „Amok“ kombinieren Atoms for Peace die bei breiten Publikumsmassen äußerst beliebte prätentiöse Trantütigkeit Radioheads mit klickernden und klackernden Beats, die nach Auskunft der Musiker von Fela Kuti inspiriert wurden. Großen Wert legt die Gruppe auch darauf, dass sie analoge und digitale Produktionsweisen bis zur Ununterscheidbarkeit miteinander verbindet. So beginnt das erste Stück „Before Your Very Eyes“ in ausschließlich klassischer Instrumentierung, um diese dann nach etwa der Hälfte der Spielzeit vollständig gegen elektronische Gerätschaften auszutauschen, ohne dass der Hörer beim Hören irgendetwas davon bemerkt. Das ist sicher toll. Aber wozu ist es gut?

Das war eine von den Fragen, die man sich am Freitagabend stellen konnte: Da gastierten Thom Yorke und Nigel Godrich im Berghain, um die Atoms-for-Peace-Platte erstmalig vor deutschem Publikum zu präsentieren. Besonders leidenschaftliche Anhängerinnen des nachdenklichen Superstars Yorke kampierten schon seit Mittag vor dem Gebäude, um abends als erste hineinstürmen zu können und sich direkt am Bühnenrand zu postieren. Damit sie ihrem Idol vor Erregung nicht gleich die Kleider vom Leib reißen konnten, war die Bühne zu beiden Seiten mit einem Baustellengitter gesichert, von vorne wurde das Publikum mit einer Polizeiabsperrung auf Distanz gehalten. Das Sicherheitskonzept ging auf, während des Auftritts entstanden keine größeren Tumulte.

Um Mitternacht betreten Yorke und Godrich die Bühne und beginnen sich gemächlich und von beruhigenden, an Bildschirmschoner der Neunzigerjahre erinnernden Filmen begleitet, durch die neue Platte zu spielen, sowie durch Thom Yorkes Solowerk „The Eraser“ aus dem Jahr 2006. Letzterer greift gelegentlich zur Gitarre, meist aber singt er mit der ihm eigenen, hohen, zum Winseln neigenden Stimme zu den von Godrich von seiner Festplatte abgerufenen Rhythmen. Über dem indifferenten Beat-Klicker-Klacker schwebt das Gewinsel Thom Yorkes wie ein Ölfleck auf einer Pfütze.

Erheblich flotter und vielschichtiger ist die Musik, die der Londoner House- und Techno-DJ Dolan Bergin zeitgleich in der Panorama Bar auflegt. Nach einer Stunde mit Godrich und Yorke fliehe ich mit einigen Freunden dorthin, um über den neuerlichen Wintereinbruch zu reden und über die Probleme, die sich daraus für die Pflanzenhege ergeben. Ich sorge mich um die Geranien, die ich im Feuer verfrühter Frühlingsgefühle vor einigen Tagen aus dem Keller geholt und auf dem Balkon ausgesetzt habe – strenger Frost wird sie töten. Auch nicht gut getroffen hat es den Kollegen R., der am nächsten Morgen um neun in der Nähe von Eberswalde bei einem Baumbeschneidungskurs anzutreten hat: In bitterer Kälte muss er luftige Höhen erklimmen.

Warum belegt man überhaupt Baumbeschneidungskurse? Weil, sagt R., in seiner Familie ständig darüber gestritten wird, wie die Obstbäume im Garten zu beschneiden seien. Schon oft habe man ihm Pflanzenverschandelung vorgeworfen. Künftig könne er nun zumindest entgegnen, dass der fragliche Ast auf wissenschaftlicher Grundlage abgesägt wurde.

Nach einer halben Stunde gehen wir aus der Panorama Bar zurück in die große Halle, wo sich das Bild nicht verändert hat: Klickerklackerbeats, beruhigende Filme, schwebendes Winseln. Wir wählen per Losentscheid jemanden aus der Gruppe, der sich nach vorne durchdrängen und in der nächsten Pause einen alten Radiohead-Hit fordern soll, am besten: „Creep“. Er verschwindet und wird an diesem Abend nicht mehr gesehen. Nach anderthalb Stunden spielen Godrich und Yorke das „Before Your Very Eyes“-Stück, das zwischen analoger und elektronischer Instrumentierung wechselt, ohne dass man es merkt. Da an diesem Abend aber ohnehin nur elektronische Instrumente zur Verfügung stehen, wird auch der analoge Teil elektronisch gespielt, was der Sache ein wenig ihren Witz nimmt.

Es ist nun kurz vor zwei, und Thom Yorke will einfach nicht aufhören zu singen. Wir müssen dringend hier weg. Aber wohin? Jemand hat noch eine Einladung für ein spirituelles Mitternachts-Dinner mit David Lynch irgendwo in der Nähe des Nordbahnhofs. Ob das eine Alternative ist? Lecker Essen und vedisches Fliegen? Ach, wenn einen diese Musik von Thom Yorke bloß nicht so schrecklich entscheidungsunfähig, appetitlos und antriebsschwach machen würde.

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Ein Gedanke zu “Das ist sicher toll, aber wozu ist es gut?

  1. „Strenger Frost wird sie töten“ – das wäre auch eine schöne Headline gewesen.