Hochnebel, Bodennebel, stockdunkle Nacht

Geschafft! Der traditionell furchteinflößende Berliner Mittwinter-Festival-Marathon ist bewältigt: erst anderthalb Wochen Club Transmediale, dann anderthalb Wochen Berlinale – ein schrecklicher Party-Stress, nach dessen Ende man sich als pflichtbewusster Berichterstatter im Dauerdienst schon mal ganz wuschig im Kopf fühlen kann. Ich persönlich liege derzeit am liebsten daheim auf dem Sofa, schaue eine Wand an und höre Musik in gemäßigtem Tempo mit verhalltem Gesang und lieblichen Melodien.

Zum Beispiel „The Flower Lane“, die neue Platte der aus New Jersey stammenden Gruppe Ducktails, auf der sich der Sänger und Komponist Matthew Mondanile zu müde aufseufzenden Gitarrenakkorden und dickblütig dahinschubbernden Rhythmen unter anderem mit dem Umstand beschäftigt, dass er sich gerade mal wieder ganz wuschig im Kopf fühlt: „I’ve got a cloudy mind / and I can’t get a clear thought / I’m moving in a haze all day /and I’ve got a cloudy mind“. „Planet Phrom“ heißt dieses Stück, dessen Original von dem ebenfalls sehr zur Wuschigkeit neigenden neuseeländischen Songwriter Peter Gutteridge stammt; andere Lieder tragen Titel wie „Timothy Shy“ oder „Ivy Covered House“, efeubewachsenes Haus: Wer säße an Tagen wie diesem nicht gern in einem solchen und tränke einen Grog am Kamin?

„The Flower Lane“ ist eine herrliche Platte, die einem gut dabei hilft, an nichts Spezielles zu denken. Dabei enthält sie noch nicht einmal so viel Hall wie die beiden Vorgängerwerke „Landscapes“ und „Arcade Dynamics“. Auf diesen schälten die Songs sich durchweg aus einem bleiernen Bodennebel heraus und verschwanden gern auch wieder in diesem. Die zehn Songs, die man auf „The Flower Lane“ hört, wirken hingegen eher wie von einem fluffigen Hochnebel umwallt, durch den hie und da schon die Sonne blinzelt. Manchmal beginnen die Gitarren gar freudig zu tirilieren und zu hüpfen wie bei alten schottischen Indiepop-Gruppen, etwa Aztec Camera und Orange Juice. Am heutigen Mittwoch, den 20.2., treten die Ducktails im Haus Ungarn an der Karl-Liebknecht-Straße auf, Beginn des Konzerts: 21 Uhr.

Weder boden- noch hochneblig und schon gar nicht sonnenlichtblinzlig, sondern musikalisch vielmehr stockdunkel dürfte dann das Konzert werden, das T.J. Cowgill alias King Dude am Sonnabend, den 23.2., um 22 Uhr im Naherholung Sternchen an der Berolinastraße in Mitte gibt: Auf seiner neuen Platte „Burning Daylight“ pinselt der aus Seattle stammende Sänger scheußliche Bilder der in nächster Zukunft unweigerlich eintretenden Apokalypse. Bei der Abfassung dieser Lieder war es sicherlich hilfreich, dass Cowgill im Hauptberuf die Gitarre in der Black-Metal-Band Book of Black Earth bedient. Deren hochgeschwind geschreddertes Gitarrenspiel und sachgerecht bestialisches Gebrüll ersetzt er als King Dude indes durch sehr tief gelegten und schwerst verhallten, wie aus der Gruft in den Gehörgang kriechenden Bluesgesang. Ein Pflichttermin!

Ebenso wie natürlich die nächste Ausgabe der Reihe „Livekritik und Dosenmusik“ am Dienstag, den 26.2. im Roten Salon der Volksbühne. Zu Gast bei Sebastian Zabel, Tobi Müller und mir ist dann Katja Lucker, die frisch gekürte Chefin des Berliner Musicboards. Wir reden über Sinn und Unsinn staatlicher Popmusikförderung und hören uns dazu mehrheitlich nicht-subventionierte neue Popmusik an, unter anderem von James Blake, John Grant und den Eels. Beginn ist um 21 Uhr.

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