Kinder, hier könnt ihr was lernen

Ergreifend: Nick Cave and the Bad Seeds im Admiralspalast

Ich verwandele mich! Ich vibriere! Ich glühe! Ich fliege! Schau mich an! Wie ein kleines Springteufelchen zittert und hüpft der Mann in dem schön schillernden schwarzen Satinhemd über die dicht bevölkerte Bühne, reißt einen seiner Arme wie ein Discotänzer nach oben und stößt sich den anderen ruckhaft in die Hüfte, wirft den Kopf in den Nacken und federt dazu in den Knien wie Schmidtchen Schleicher mit den elastischen Beinen. „I am transforming. I am vibrating. I am glowing. I am flying. Look at me!“ Dazu singt mit hellen Stimmen ein niedlicher Kinderchor; und manchmal, wenn Nick Cave bei der Darbietung seines neuen Lieds „Jubilee Street“ und beim dazugehörigen Hin-und-her-über-die-Bühne-zucken in die Nähe der singenden Kinder gelangt, improvisiert er in ebenso herrischem wie unbeholfenem Stil ein paar dirigierende Gesten; manchmal winkt er dem Chor aber auch nur freundlich zu, als habe er ihn gerade zufällig entdeckt.

Am Mittwoch haben Nick Cave und die Bad Seeds im Admiralspalast ihr neues Album „Push the Sky Away“ vorgestellt, ein allseits mit Spannung erwarteter Abend und – das kann man ohne Übertreibung so sagen – ein Triumph! So konzentriert und transzendental hat man Nick Cave schon seit Jahren, ach, was sage ich: seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Zwei Stunden lang singt er sich gefasst und finster durch das neue Album und ein paar ältere Hits, ein trotz aller Reife immer noch – oder vielmehr neuerdings wieder – überaus erotischer Wanderpriester und Unheilsverkünder. Den bräsig gewordenen Balladensänger der Nullerjahre, den ranzigen Rocker mit den öligen Haaren aus der mittleren Karrierephase – all diese bösen Geister und Wiedergänger seines sich stetig verwandelnden Selbst hat er glücklich vertrieben, dank eines längeren Aufenthalts in der Provence.

Im zum Studio umgebauten Bibliotheksraum eines altfranzösischen Herrenhauses hat er mit er der aktuellen Bad-Seeds-Besetzung die neuen Songs aufgenommen. Doch sind diese Songs – das ist das Gute an ihnen – eigentlich keine Songs, sondern eher schon musikalische Bühnenbilder, in denen Cave endlich wieder genügend Raum zum Extemporieren findet, zum Schicksalbeschwören und Sich-selber-Kasteien.
Ganze Kohorten von Musikern umwimmeln ihn auf der Bühne, ein Gitarrist, ein Bassist, zwei Schlagzeuger, ein Streicherquintett, der Kinderchor und zwei weitere Backgroundsängerinnen, und doch ist die Musik so spartanisch und minimal, so demutsvoll reduziert und zugleich so schön böse von innen heraus glühend, dass man beim Hören kaum Atem holt vor Ehrfurcht und Staunen. Oft lässt Cave seinen moritatenhaften Gesang nur von ein paar karg gekraulten Bassmotiven begleiten – wie in dem zehnminütigen „Higgs Boson Blues“, in dem Band und Streicher sich dann nur langsam, sehr langsam dazu gesellen. Es geht um Robert Johnson, den Bluessänger aus dem sumpfigen Süden, der seine Seele dereinst dem Teufel verkaufte; aber auch Quantenphysik spielt wohl eine Rolle darin. Sein persönliches Vaterunser formuliert Cave dann in „Mermaids“: „Ich glaube an Gott. Ich glaube an Nixen. Ich glaube an 72 Jungfrauen an einer Kette. Warum auch nicht?“

Von dem tristen Alte-Männer-Schwanzrock des letzten Bad-Seeds-Albums „Dig! Lazarus! Dig!“ aus dem Jahr 2009 ist hier nicht mehr das Geringste zu hören. Derartige Obsessionen lebt Cave inzwischen mit seiner Zweitband Grinderman aus – unhörbar! Aber toll: Denn die Bad Seeds sind damit wieder frei für jenen Gospel-Blues-Stil, den sie einst auf ihren ersten Alben entwarfen, „The Firstborn Is Dead“ und „From Her to Eternity“.
Caves damalige Begleiter Mick Harvey und Blixa Bargeld sind lange nicht mehr dabei und kehren auch nicht wieder zurück. Welch ein Glück doch, an der Gitarre stattdessen den großen, zu Unrecht vergessenen australischen Songwriter Ed Kuepper zu hören! Die zentrale musikalische Figur in der aktuellen Bad-Seeds-Inkarnation ist indes Warren Ellis; im Konzert ist er an Geige, Bratsche, Rhodes Piano und – besonders schön – Spielmannszugquerflöte zu hören. Seinen eisengrau melierten Bart hat Ellis sich übrigens inzwischen bis knapp vor den Bauchnabel aussprießen lassen. Beim Geigenspiel hängen die drahtartigen Kinnhaare durchweg über den Saiten, wodurch ein interessanter, leicht kratziger Ton entsteht. Allerdings muss man öfter auch fürchten, dass er sich schlicht mit dem Geigenbogen im Bart verheddert.

Fünfzig Minuten dauert die Aufführung des Albums, dann wechselt die Band in den Golden-Oldies-Abschnitt des Abends. Als Erstes wird – kein Song könnte passender sein – „From Her to Eternity“ geboten. Bevor es losgeht, wendet sich Cave noch einmal an den Kinderchor: „Kids! You don’t sing on this! But you watch – and you learn!“ Kinder, hier singt ihr nicht mit! Aber schaut gut zu, dann könnt ihr was lernen! Zum Beispiel, wie es aussieht, wenn ein wilder Bartschrat in einem Anzug ein Streicherquintett dirigiert: Derart wüst fuchtelt Warren Ellis dabei mit allen ihm gegebenen Extremitäten herum, dass er wie unter Stromstößen wirkt. Die Geiger tun das Beste, was sie tun können: Sie gucken intensiv auf ihre Noten und bemühen sich, den fuchtelnden Typen zu ignorieren.

Um Mitternacht stehen wir dann auf der Aftershowparty in der Admiralspalastbar unter würdevoll wittrig gewordenen Veteranen aus jenem West-Berlin der Achtzigerjahre, in dem Nick Cave die Bad Seeds einst gründete. Gudrun Gut legt melancholische Tanzmusik auf, Cave tanzt im tadellos sitzenden Anzug einen Walzer. „Die Bäume wissen nicht, was die kleinen Vögel singen“, heißt es in dem neuen Lied „We No Who U R“, „wir verschwinden mit dem Tau in der Morgensonne.“

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