Mit Nile Rodgers bei der Kursdiagrammschau

Ich habe ja im Lauf meines langen Lebens schon viele Konzerte gesehen und darunter auch sehr viele bizarre; aber manchmal erlebt man auch im hohen Alter noch wieder Momente, die einen auf völlig neue Weise verwirrt und verstört, ich möchte fast sagen: ratlos zurücklassen können. Am Montagabend um acht stand ich im zirka zu einem Drittel gefüllten Publikumsrund der Max-Schmeling-Halle in Prenzlauer Berg; die spärlich hinzutröpfelnden Menschen um mich herum trugen Strähnchen im Haar und bequeme Ausgehkleidung der Marke „Camp David“. Auf zwei Leinwänden links und rechts von der Bühne wurde eine große Goldene Schallplatte gezeigt, auf der man den Schriftzug „Die ultimative Chart Show“ erkennen konnte. Dabei handelt es sich um den Titel einer vom Privatfernsehsender RTL ausgestrahlten Popmusiksendung, in der ausschließlich erfolgreiche Lieder aus vergangenen Zeiten aufgeführt werden, also Lieder, die sich einmal in den Charts befanden. Was die Frage aufwirft, warum diese Show dann nicht auch „Charts Show“ heißt, sondern „Chart Show“, was auf deutsch so viel bedeutet wie „Schaubildschau“ oder „Kursdiagrammschau“. Denn weder Schaubilder noch Kursdiagramme spielten im folgenden Verlauf des Abends eine Rolle.

Vielmehr ging es bei dieser Festivalfassung der „Ultimativen Chart Show“ um die tollsten Disco-Hits der Siebziger- und Achtzigerjahre. Darum hatten die RTL-Redakteure unter anderem Kool and the Gang, Sister Sledge und Al McKay eingeladen, der Ende der Siebzigerjahre vorübergehend bei Earth, Wind & Fire die Gitarre bediente und darum nun mit einer Cover-Band namens Earth, Wind & Fire Experience auftreten durfte. Als erster, den Abend eröffnender Künstler war aber Nile Rodgers angekündigt.

Nile Rodgers! Einer der, ich würde mal sagen, fünf wichtigsten Pop-Produzenten aller Zeiten; der stilprägendste Gitarrist der Siebzigerjahre; einer der bedeutendsten Sound-Erfinder seiner Generation. Mit dem kongenialen, 1996 viel zu früh verstorbenen Bassisten Bernard Edwards und ihrer Band Chic hat Nile Rodgers nicht nur einige der tollsten Soul-, Funk- und Disco-Nummern der Popgeschichte aufgenommen: „Good Times“, „Le Freak“, das ergreifend-elegische „At Last I’m Free“. Er hat 1983 auch „Let’s Dance“ produziert, die bislang letzte gute Platte von David Bowie, und im Anschluss daran „Like A Virgin“, das zweite Album von Madonna, auf dem er auch die Gitarre spielte. Ohne Nile Rodgers hätte es kein „Material Girl“ gegeben, kein „Upside Down“ von Diana Ross und kein „We Are Family“ von Sister Sledge; wer die frühen Platten von Prince & the Revolution hört, weiß sofort, bei wem sich Prince sein Gitarrenspiel abgehört hat. Und Prince war damit nicht allein: Auch den gesamten britischen Postpunk von Aztec Camera bis zu The Smiths hat Nile Rodgers mit seinem dünnen, aber enorm groovenden, leicht angefunkten Spiel inspiriert. Johnny Marr von den Smiths rühmt ihn bis heute als wesentliches Vorbild für seinen eigenen Gitarrenstil; so groß ist Marrs Verehrung für Rodgers, dass er seinen Sohn Nile genannt hat.

Um es mithin mal zusammenzufassen: Ohne Nile Rodgers wäre die Popgeschichte anders verlaufen, er ist eine Legende, ein cooler Hund, ein Mann, dem jeder halbwegs geschmacksbegabte und anständige Mensch mit Ehrfurcht begegnet, am besten mit gesenktem Kopf und auf Knien. Die Redakteure der RTL-Chart-Show hingegen ließen Nile Rodgers nicht nur als Vorgruppe der Vorgruppe auftreten. Als das Publikum um acht in die Halle gelassen wurde, musste er sogar noch in Arbeitskluft auf der offenen Bühne stehen, weil eine völlig überforderte Produktionsregie nicht rechtzeitig mit dem Soundcheck fertig geworden war. Und während sich der große Sound-Erfinder noch – wie man später beim Konzert hörte: vergeblich – um einen halbwegs erträglichen Bühnenton mühte, kasperte schon ein blondierter RTL-Heinz namens Hans mit müden Witzchen zwischen den sichtlich um Fassung bemühten Musikern umher; in Einspielfilmchen sangen ehemalige Bewohner des Dschungelcamps mit scheußlichen Frisuren und quäkenden Stimmen bekannte Chic-Melodien nach.

Ein Bild, das man nicht anders ansehen konnte als mit Zorn und Trauer: So wie die „Ultimative Chart Show“ habe ich mir immer die Hölle der Popkultur vorgestellt. Hoffen wir nur, dass auch möglichst viele Redakteure von RTL bis zum Ende aller Tage darin schmoren.

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