Schaff den Junkie hier raus!

Fünf Mal werden wir noch wach, dann erscheint das neue Album von David Bowie! Sehr viele Menschen sind deswegen schon seit Wochen sehr aufgeregt – inbesondere insofern sie in Berlin wohnen, denn Bowie erinnert sich ja in dem neuen Lied „Where Are We Now“ an seine Zeit in der Mauerstadt der späten Siebzigerjahre. Noch über drei Jahrzehnte später sonnt der Berliner sich gerne im Licht, das die kurze Anwesenheit dieses Weltstars auf seine kleine Stadt wirft. Dabei kam Bowie – das wird gern unterschlagen – 1977 nur deswegen hierher, weil er in Neunkirchen-Seelscheid abgewiesen wurde!

Neunkirchen-Seelscheid ist ein kleiner Ort in der Nähe von Köln, in dem der damals bedeutendste deutsche Pop-Produzent Conny Plank sein Studio betrieb. Anfang der Siebziger hatte Plank unter anderem die von Bowie bewunderten ersten vier Kraftwerk-Platten produziert, außerdem Alben von Neu!, Kluster, Guru Guru und Ash Ra Tempel. Der ebenfalls Elektronik- und Krautrock-begeisterte Brian Eno brachte Bowie und Plank zusammen – allerdings ohne Erfolg. Zwar konnte Bowie bei seiner Ankunft in Neunkirchen-Seelscheid sämtliche von Plank aufgenommenen Werke in chronologischer Reihenfolge auswendig aufsagen. Doch als er ihn darum bat, sein nächstes Album zu produzieren, soll Conny Plank nur knapp zu seiner Frau Christa gesagt haben: „Schaff den Junkie hier raus.“ So nahm Bowie sein nächstes Album „Low“ dann zwar mit Brian Eno, aber ohne Conny Plank in Berlin auf; es ist, wie man beim Wiederhören bemerkt, damals trotzdem eine ganz gute Platte geworden.

Nicht nur Bowie blitzte übrigens in Neunkirchen-Seelscheid ab, auch Bono von U2 war dem Klangmeister Plank auf Anhieb so unsympathisch, dass er den – ebenfalls von Brian Eno vermittelten – Produktionsauftrag für „The Unforgettable Fire“ ablehnte. Welche Künstler Plank hingegen akzeptierte und welch großartige Musik er vom Beginn seiner Produktionstätigkeit Ende der Sechzigerjahre bis zu seinem frühen Tod 1987 erschuf: Das kann man sich nun dank einer schönen, 4 CDs umfassenden Retrospektive noch einmal zu Gehör bringen. „Who’s That Man“ heißt die Sammlung, die von seinem Sohn Stephan Plank kompiliert wurde und auf Herbert Grönemeyers Grönland-Label erschienen ist.

Darin sind klassische Krautrock-Gruppen wie Neu!, Ibliss und La Düsseldorf ebenso vertreten wie New-Wave-Bands wie die Eurythmics, deren Debütplatte „In the Garden“ von Plank produziert wurde (als Gastmusiker hört man Holger Czukay und Jaki Liebezeit von Can). Oder Deutsch-Amerikanische Freundschaft, die ihr prägendes Album „Alles ist Gut“ 1980 in Neunkirchen-Seelscheid aufnahmen – die erste LP, die der damals blutjunge, später als Depeche-Mode-Entdecker berühmt gewordene Daniel Miller auf seinem Mute Label herausbrachte. Dazu gibt es eine CD mit Plank-Remixen unter anderem von der fabelhaften Berliner Dub-Techno-Band Automat und den Mitschnitt eines Konzerts, das Plank mit Arno Steffen und Dieter Möbius 1986 in Mexiko-Stadt spielte.

Conny Plank war aber nicht nur einer der wichtigsten Produzenten des Krautrock und der frühen elektronischen Musik, er ist auch als Verleger und Labelmacher tätig gewesen – mit den Schallplattenlabels Aamok und Spiegelei sowie dem Kraut-Musikverlag. Letzteren gründete er 1972 in Hamburg mit Wilken F. Dincklage, der später unter dem Namen Der Dicke Willem mit Liedern wie „Tarzan ist wieder da“ und „Wat“ beachtliche Hitparadenerfolge erzielte. Beide hatten sich in der Hamburger Künstlerkommune „Villa Kunterbunt“ kennengelernt, in der Plank von 1969 bis 1973 wohnte, unter anderen noch mit Otto Waalkes und Udo Lindenberg. Zu seinen Freunden und musikalischen Partnern aus dieser Hamburger Zeit zählt auch Achim Reichel, der in den Sechzigerjahren mit der Rockband The Rattles bekannt geworden war und sich Anfang der Siebziger unter dem Namen A. R. & Machines der elektronischen Musik zuwandte. Zwei seiner ausgesprochen ausgeflippten Produktionen aus dieser Zeit, „As If I Had Seen All This Before“ und „Globus“, kann man nun in der 2-CD-Kompilation „Deutsche Elektronische Musik 2“ des Londoner Archiv-Labels Soul Jazz Records wieder entdecken.

Auch ansonsten bietet sie eine hervorragende Ergänzung zur „Who’s That Man“-Box: Neben weiteren von Plank produzierten Stücken wie „Isi“ von Neu! findet sich hier insbesondere ein bunter Strauß besonders abgefahrener Hippie-Esoterik, unter anderem von Bröselmaschine und den bis heute bizarren Popol Vuh.

 

David Bowie: Low (EMI)

V.A.: Who’s That Man – A Tribute to Conny Plank (4-CD-Box, Grönland/EMI)

V.A.: Deutsche Elektronische Musik 2 (2 CDs, Soul Jazz/Indigo)

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Ein Gedanke zu “Schaff den Junkie hier raus!

  1. Hübscher Beitrag, nur ein kleiner Fehler: „Alles ist gut“ von DAF ist bereits bei Virgin erschienen. „Die Kleinen und die Bösen“, 1980 veröffentlicht, erschien bei Mute.