Sex, Satanismus, Schusswaffengebrauch

Zum Abschluss des Club Transmediale: Black Metal, exorzistischer Blues und Grunz-Step im Heizungskeller

Wer auf einen deftigen Männerstriptease mit ölig schwitzendem Oberkörper und herrlich haarigen Waden gewartet hatte, wurde an diesem Abend freilich enttäuscht; denn anders als bei seinen Auftritten sonst üblich, legte Eugene Robinson lediglich nach ein paar Minuten sein Jäckchen sorgsam gefaltet über einen Stuhl und nestelte sich den Schlips aus dem Kragen. In seiner Band Oxbow verbindet er seit zwanzig Jahren eine Art katholischen Selbstkasteiungsrock mit rituellem Kleider-Ablegen; zu blueshaft gesungenen und gewimmerten Liedern über Sünde und Sühne, Begehren und Bestrafung pflegt er sich wie bei einer zu ernst genommenen Beichte die weltlichen Klamotten vom Leibe zu reißen und darunter seinen ebenso prächtig trainierten wie kurzweilig tätowierten Körper zu enthüllen.

Bei dem Auftritt, den er am Freitagabend beim Club Transmediale im Hau 1 absolvierte, wurden Exorzismus und Exhibitionismus indes durch einen unentwegt unterdrückten, dadurch um so unbehaglicher wirkenden Aggressionsstau ersetzt. Mit mahlenden Kieferknochen, wedelnden Händen und einer stets kurz vor der Explosion scheinenden Ganzkörpervibration schnaubte Robinson Texte über Sex und Schusswaffengebrauch in das ängstlich sich vor ihm wegduckende Mikrofon. Begleitet wurde er von Jamie Stewart, der sonst in dem Duo Xiu Xiu mittelprächtig interessanten Elektropop mit Traumaverarbeitungstexten spielt. Breitbeinig und mit militärischer Kurzhaarfrisur saß Stewart an einem Tisch mit Elektrogeräten und drehte zur Erzeugung von abstraktem Krach aller Art mit seinen sehr großen Händen so grimmig an den sehr kleinen Knöpfen seines Instrumentariums herum, dass man unentwegt fürchtete, dass er im nächsten Moment vor Zorn alle Kabel aus dem Gehäuse reißt. Toll!

Mit einigen sehr guten Konzerten wie diesem ging am Wochenende der Club Transmediale zu Ende. Nach den unterschiedlich temperierten, aber durchweg bunten Veranstaltungen während der Woche machte sich am Freitag und Sonnabend eine generelle musikalische Düsternis breit. Im Anschluss an den Auftritt von Stewart und Robinson konnte man im Hau2 ein Programm des Berliner Grautag-Labels besuchen, bei dem beispielsweise der in Berlin lebende palästinensische Künstler Ghazi Barakat alias Pharoah Chromium auf einer hölzernen Hirtenflöte düstere Drones über psychedelische Elektroknirschflächen blies; dazu trug er eine Alien-Maske, deren Kinnpartie in Tentakeln auslief.

Wiederum eher katholisch inspiriert war das Programm, das der aus Manchester kommende DJ und Produzent Andy Stott dann morgens um halb fünf auf der großen Tanzfläche des Berghain spielte: Ähnlich wie auf seiner aktuellen LP „Luxury Problems“, reicherte Stott seine Niedergeschwindigkeits-Techno-Tracks mit gregorianischem Chormurmeln an.

Voller virtuos unterdrückter, sexuell aufgeladener Gewalttätigkeit war auch auf der Auftritt von Demdike Stare am Sonnabend im HKW. Das ebenfalls aus Manchester stammende Duo hat seinen Namen bei einer berühmten britischen Hexenmeisterin entlehnt: Mutter Demdike ging im Pendle Forest in Lancastershire ihrer satanischen Berufstätigkeit nach, bis sie 1612 in einem örtlichen Kerker verstarb.

Wie aus dem Kerker klingt auch die Musik von Miles Whittaker und Sean Canty: Zu klappernd-verschleppten Rhythmen und gelegentlichem dumpfem Trommelgepauke wird hinter dicken Wänden rhythmisch gefleht; dazu rasselt ein buckliger Zwerg mit seinem Schlüsselbund an rostigen Verliesgittern entlang. Manchmal hört man auch leicht leiernde Lautenakkorde, magnetische Bässe sowie Dub-haften Hall. Zur visuellen Abrundung wurden am Sonnabend im HKW dazu Schnipsel aus sexistischen Horrorschlockfilmen der Siebzigerjahre nach Art von Jess Franco gezeigt. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf nackten Nonnen, die von ziegenbockkopfmaskierten Priestern auf einem Altar dem Beelzebub dargeboten wurden.

Wem das noch zu hochkulturell war, der konnte die restliche Nacht zum Sonntag bei einem ausgesprochen erlesenen Programm im Stattbad Wedding verbringen. Während das ewige Dubstep-Wunderkind Skream auf dem großen Dancefloor im Schwimmbadbassin aktuelle Lieblingslieder von Jessie Ware bis SBTRKT durch den Hochgeschwindigkeitssynkopenwolf drehte, wurde in den finsteren und wegen der niedrigen Decken und des gewaltigen Publikumsandrangs auch schön klaustrophob wirkenden Kellergewölben kompetent der musikalischen Lichtlosigkeit gehuldigt.

Zum Beispiel durch ein Londoner Duo mit dem unschlagbaren Namen Necro Deathmort, das brummende Flächen und Metalgegrunz mit Dubstep-Rhythmen verband; vielleicht könnte man ihre Musik mithin als Grunz-Step bezeichnen. Sehr gut gefallen hat mir auch die Berliner Band Sun Worship: drei unauffällig gekleidete junge Männer mit Brillen, die aber, wenn sie mal im Kerker von der Kette gelassen werden, den schroffsten und – mit motorischem Krautrock-Schlagzeug bereichert – schlausten Black Metal spielen, den man sich wünschen kann.

Vom Blues im Hebbeltheater über die gepflegte erotische Düsternis im HKW bis zum rohen Geschrei in einem Keller im Wedding reiste man beim Club Transmediale einmal durch den Kosmos des Pop, ohne dass irgendetwas eklektisch oder programmatisch erzwungen wirkte: Im dreizehnten Jahr haben die Veranstalter dieses hervorragenden Festivals sich noch einmal selbst übertroffen.

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