Sing mir die Lieder, die sagen „Ich liebe dich“

Komm heim zu mir! Komm heim zu Mama! Klagend steht die Mutter am Eingang des Totenreichs und fleht um ihre Tochter Proserpina. Der König der Unterwelt, Pluto, hat das Mädchen entführt, weil ihre Eltern Jupiter und Ceres sie ihm nicht zur Frau geben wollten, und entlässt sie nun nicht mehr aus seinen klammen Klauen. Doch Ceres bleibt tapfer, sie kämpft um ihr Kind, sie wankt nicht und weicht nicht vom Tor zum Hades und ruft immer wieder mit fester Stimme hinunter: „Come home to Mama!“
„Proserpina“ heißt dieser herzzerreißende Song, mit dem Martha Wainwright auf ihrem aktuellen Album „Come Home to Mama“ ihrer Mutter Kate McGarrigle gedenkt; es ist das letzte Stück, das die Songwriterin kurz vor ihrem Krebstod im Januar 2010 komponiert hatte. So wird die Klage der Mutter um ihre im Totenreich verschwundene Tochter zum Totenlied der Tochter für ihre Mutter: bewegend, wie Martha Wainwright hier die Perspektiven wechselt und ineinander verflicht.
„Come Home to Mama“ gehört zu den schönsten Platten des vergangenen Jahres. Deren Herzstück „Proserpina“ findet sich nun auch – als einer von vielen bewegenden Momenten – in dem Konzertfilm „Sing me the Songs that Say I Love You“, den Martha und ihr Bruder Rufus Wainwright zum Andenken an ihre Mutter gedreht haben. Auf der Berlinale erlebt die Dokumentation, die im letzten Jahr auf dem Sundance London Film Festival uraufgeführt wurde, nun endlich ihre Deutschlandpremiere.
Gezeigt werden vor allem Aufnahmen aus einem Konzert, das die Geschwister Wainwright im Mai 2011 im New Yorker Town Hall Theater veranstaltet haben. Zwei Stunden lang singen sie Lieder aus dem reichen Repertoire ihrer Mutter – mit ihrer Schwester Anna zählte Kate McGarrigle seit den Sechzigerjahren zu den bekanntesten kanadischen Songwriterinnen. Als Gäste sind viele weitere Mitglieder der Wainwright-Großfamilie dabei, aber auch Freunde und Weggefährten von Kate und ihren Kindern: die große Country-Folk-Diva Emmylou Harris und Antony Hegarty von Antony and the Johnsons; die Jazz-Pop-Sängerin Norah Jones und der britische Folk-Rock-Knabe Teddy Thompson – als Sohn von Richard und Linda Thompson seinerseits Spross einer Groß-Pop-Familie. Aber auch Jenni Muldaur steht auf der Bühne, die Tochter des legendären Folk-Paars Geoff und Maria Muldaur. Und der Komiker und Late-Night-Gastgeber Jimmy Fallon bietet bei dieser Gelegenheit eine der tollsten Stepptanzeinlagen der jüngeren Folk- und Stepptanz-Geschichte dar.
So viel Pop- und Familiengeschichte auf einmal bekommt man jedenfalls selten auf einer Bühne zu sehen, und so viel große Gefühle auch nicht; Rufus Wainwright weint eigentlich bei jedem Stück. Zwischendurch erinnern die Geschwister sich an ihre Jugend, ihre Mutter und an die letzten Tage und Stunden an ihrem Totenbett. Nur der Ex-Gatte von Kate und Vater von Martha und Rufus, der charakterlich bekanntermaßen schwierige Singer und Songwriter Loudon Wainwright III, kommt während des ganzen Abends nicht (oder nur in einigen beiläufig hingeworfenen Bemerkungen) vor; und das ist das Einzige in diesem sonst traurigen, aber doch herzwärmenden Film, was einen schlichtweg deprimiert.
Die Premiere des Films findet am Donnerstag, dem 14. 2., um 21.45 Uhr im CineStar-Event-Kino statt; weitere Aufführungen: am 15. 2., 14.30 Uhr, im CineStar 7 und am 16. 2., 15.30 Uhr, im Colosseum 1. Die Geschwister Wainwright werden bei der Berlinale persönlich anwesend sein. Rufus singt überdies am Freitag bei der Gala zur Verleihung des schwulen Filmpreises Teddy (15. 2., 21 Uhr, in der Station Berlin in der Luckenwalder Straße am Gleisdreieck). Martha wiederum spielt am Sonnabend, den 16. Februar, ab 21 Uhr ein Solokonzert im Haus Ungarn an der Karl-Liebknecht-Straße. Wobei es uns natürlich nicht wundern würde, wenn ihr Bruder auch hier auf ein paar Takte vorbeischaut.
Der nächste Pop-Familienabend schließt sich dann unmittelbar an: Am Sonntag, den 17. Februar, tritt die große verehrungswürdige Yoko Ono gemeinsam mit der von ihrem Sohn Sean Ono Lennon geleiteten Plastic Ono Band in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz auf. Nachdem sie am Freitag ihre groß angelegte Retrospektive in der Frankfurter Kunsthalle Schirn eröffnet haben wird, musiziert sie nun in Berlin in ihren 80. Geburtstag am Montag hinein.
Yoko Ono ist ja nicht nur eine herausragende Bildende Künstlerin, sie hat auch in jüngster Vergangenheit einige schöne Schallplatten herausgebracht, unter anderen mit Thurston Moore und Kim Gordon von Sonic Youth. Sean Ono Lennon wiederum ist sowohl auf Martha Wainwrights „Come Home to Mama“ als Gastgitarrist zu hören wie auch auf „Out of the Game“, dem letzten Album von Rufus Wainwright, weswegen wir uns keineswegs wundern würden, wenn es am Sonnabend, Sonntag oder auch an beiden Abenden zum Ono-Wainwright-Doppel-Pop-Familientreffen käme.
Zur festlichen Begleitung des Yoko-Ono-Geburtstagskonzerts stehen übrigens Christian Buss und der bescheidene Verfasser dieser Kolumne an den Volksbühnenschallplattentellern; aufgelegt wird vor allem Free Jazz von Frauen. Das Konzert beginnt um 20 Uhr und ist ausverkauft.

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