Wenn die meisten ein Hemd sehen, sehen sie nur ein Hemd

Unser Thema in dieser Kolumne: musizierende Männer und Mode! Mit einem Konzert der verlässlich gut angezogenen Basskrachmönche von SunnO))) hat die Popwoche am Sonntagabend im Astra Kulturhaus begonnen. Tadellos saßen wieder die Kutten, auch das SunnO)))-typische Posing mit den zu Leichenkrallen gekrümmten Händen wurde, wie stets, geschmeidig und elegant vorgetragen. Leichte Längen hatte indes der Auftritt des ungarischen Kunstgrunzers Attila Csihar im Mittelteil. Auch kam mir die Kraft der von Greg Anderson und Stephen O’Malley vorgetragenen Feedback-Vibrationen schon mal ohrenzerfetzender vor – was freilich daran liegen könnte, dass sich das Hörvermögen proportional zur Zahl der besuchten SunnO)))-Konzerte (in meinem Fall: sechs) vermindert.

Apropos Gesundheit, eine Frage warf sich an diesem Abend noch einmal mit voller Dringlichkeit auf: Welchen Sinn hat eigentlich ein drakonisch überwachtes Rauchverbot in einem Konzertsaal, der von der Bühnenseite her zugleich stundenlang mit gewaltigen blickdichten Schwaden garantiert nicht vom Arzt oder Apotheker empfohlenen Kunstnebels eingeschwallt wird?

Weniger nebel-, bass- und feedbackverliebt, doch ebenso zuverlässig modebewusst ist das britische Popduo Hurts, das am Sonnabend im Postbahnhof sein im März erscheinendes Album „Exile“ vorstellen wird. Aus diesem Anlass traf ich mich unlängst, nämlich am Tag der Eröffnung der Fashion Week, zum Gespräch mit den beiden Hurts-Mitgliedern Adam Anderson und Theo Hutchcraft; beide erwiesen sich als überaus sympathische und geschmacksbegabte Gesellen.

Guten Tag!

Theo Hutchcraft: Guten Tag! Oh, Sie haben ja einen schicken Totenkopfring.
Adam Anderson: Ein tolles Statement!

Ach, das ist doch gar nichts Besonderes, sowas bekommt man in Berlin bei jedem Gothic-Ausrüster.

Hutchcraft: So wie Sie ihn tragen, sieht der Ring sehr gut aus.
Anderson: Sie sorgen dafür, dass er besonders wirkt.

Danke. Sie sehen übrigens auch sehr gut aus. Ihr erster Auftritt fand ja vor drei Jahren bei der Style Nite von Michael Michalsky statt.

Hutchcraft: Ein unvergesslicher Abend, das war kurz vor unserem ersten größeren Konzert, und wir sind sehr nervös gewesen! Die Fashion Crowd ist ja auch immer so schwierig.

War es denn schlimm?

Hutchcraft: Nein, das Publikum war wohl ganz angetan von uns. Wir haben nur drei Stücke gespielt, aber so lange haben die uns zugehört.
Anderson: Das war ein Glücksfall, meistens kommen die Leute nur zu Fashion Veranstaltungen, um cool herumzustehen und sich volllaufen zu lassen. In London ist es ganz schrecklich. Nur in Berlin ist es besser.

Verfolgen Sie denn eigentlich, was in der Mode aktuell passiert?

Hutchcraft: Ja, ich liebe die neue Kollektion von Dior!
Anderson: Wir interessieren uns natürlich vor allem für Designer, die mit Schwarz arbeiten, schließlich tragen wir ausschließlich Schwarz.

Hatten Sie nie das Bedürfnis, mal was anderes anzuziehen? Rot? Gelb? Grün? Was Gestreiftes? Viele Künstler wechseln ja von einer Platte zur nächsten auch mal den Style…

Anderson: Nein, das wäre dann nicht mehr ehrlich…
Hutchcraft: …wir hatten diesen Style ja auch schon, bevor wir berühmt geworden sind.
Anderson: Und bei der Mode sind es doch die Details, die winzigen Änderungen, die den Unterschied machen. Wenn die meisten Leute ein Hemd sehen, dann sehen sie nur ein Hemd. Ich hingegen sehe, ob die Farbe perfekt ist oder nicht; wenn sie perfekt ist, dann hebt sie das Hemd auf eine höhere Ebene.
Hutchcraft: Auch wir ändern unseren Style, aber in den Details, zum Beispiel im Schnitt unserer Hosen. Wir streben keine Revolutionen an, wir entwickeln uns auf evolutionäre Weise. Das ist bei unserem Look nicht anders als in unserer Musik.

Wenn Sie für das Konzert der Hurts übrigens noch keine Karte haben, dann haben Sie Pech gehabt. Der Abend ist nämlich ausverkauft.

Aber es gibt noch einige andere Auftritte von sehr gut angezogenen Menschen, die man in der kommenden Woche besuchen kann. Zum Beispiel von der in dieser Zeitung schon viel gefeierten lettischen Post-Hypnagogic-Pop-Disco-Diva Maria Minerva, die – nach ihrem fabulösen Auftritt im letzten Sommer im Kater Holzig – am Freitag um 22 Uhr in der Berghain Kantine ihr aktuelles Album „Will Happiness Find Me“ (Not Not Fun Records) vorstellt; an den Plattentellern steht dann der ebenfalls stets tiptop gekleidete Betreiber des Expatriarch-Programms Joey Hansom.

Und bereits am heutigen Mittwoch um 21 Uhr kann man im Gretchen Club an der Obentrautstraße die drei Londoner Style-Götter von Darkstar sehen: Auf dem neuen Album „News From Nowhere“ (Warp Records) haben sie ihre ohnehin schon fluffigen Post-Dubstep-Gebilde noch lockerer und flockiger aufgeschäumt als zuvor, und ihr Sänger, der blondgelockte James Buttery, gurrt so melancholisch und lasziv, dass ihm die Mädchenherzen auch diesmal garantiert wieder scharenweise zufliegen werden.

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