Ohne Moos nichts los

Der größte Songwriter seiner Generation: James Blake und sein grandioses zweites Album „Overgrown“

Es gibt ja diese Tage, an denen man sich ganz moosig fühlt, von Unkraut bewachsen, von dicken Strünken umschlungen, von kitzelnden Geflechten bedeckt, in welchen Würmer wimmeln und Käfer krabbeln; manchmal kommt man sich wie ein Strauch vor, wie ein dürres Gestrüpp an einem öden Gestade. Jedenfalls James Blake kennt diese Tage sehr gut, sein neues Album heißt darum „Overgrown“: zugewachsen und überwuchert. „Ich möchte kein Stern sein“, singt er im Titelstück mit körperlos hoher, ätherischer Stimme, die Chöre aus Hall hinter sich herzieht wie eine stürzende Schnuppe einen erlöschenden Schweif, „ich möchte ein Stein an einem Strand sein, ein einsamer Türrahmen nach einem Krieg, wenn alles überwachsen und zugewuchert ist“.

Etwas mehr als zwei Jahre ist es nun her, dass der Londoner Dubstep-Produzent und Pianist sein Debütalbum „James Blake“ herausgebracht hat. Damals  war Blake gerade 22 geworden, aber die Kraft und der Erfindungsreichtum seiner Musik, seine Verbindung aus zartem Gesang und schroffem elektronischen Minimalismus waren geradezu epochal. Kein anderer Songwriter war in den letzten Jahren so prägend und inspirierend wie er: Eine ganze Schule von jungen Sängern und Produzenten verbindet inzwischen kompliziert trippelnde und stolpernde Beats mit schweren Bässen und  R’n’B- und Soul-geprägtem Gesang, von Jamie Woon bis zu The XX, von Darkstar bis zu Mount Kimbie.

Doch bis heute ist dabei niemand sonst so souverän und wagemutig wie James Blake. Niemand sonst bewegt sich so rastlos und mühelos zwischen einem strengen, oft erratischen Elektropop-Avantgardismus  und dem großen, sich in die weite Welt wölbenden Pop. Nach dem unerhörten Erfolg von „James Blake“ –  fast eine halbe Million Mal verkaufte sich das Album – hat er unentwegt minimalistische Dubstep- und Elektro-Tracks produziert und sich gleichermaßen in der klassischen Liedkunst geübt. Bei seinen DJ-Sets, etwa im März letzten Jahres im Berghain, verband er  liebliche Melodien mit  vollständig untanzbaren Beats. Er nahm aber auch mit dem Folkbarden Bon Iver  eine anrührend verhuschte Etüde namens „Fall Creek Boys Choir“ auf und coverte – auf der „Enough Thunder“-EP –  „A Case of You“ von Joni Mitchell. Die Begegnung mit Mitchell hat er später den größten Moment in seinem Leben genannt.

Darum war man auf „Overgrown“ so gespannt: weil das Feld der Möglichkeiten so gewaltig erschien, das Blake in den letzten Jahren eröffnete. Tatsächlich ist das Album erheblich eklektischer geworden als das Debüt. Man hört nicht nur Dubstep, sondern auch  Folk-Harmonien und HipHop und Reggae und Kirchenmusik und zahlreiche unerwartete Gäste. In „Take A Fall For Me“ gastiert der Wu-Tang-Clan Rapper RZA mit dem für ihn typischen, leiernd geschnaubten Sprechgesang. Brian Eno, den man als  Ratgeber und musikalischen Partner ebenso schätzen wie fürchten kann, hat in den Reggae-Song „Digital Lion“  optimistische Klackergeräusche gewirkt. Das Stück „Voyeur“ schließlich beginnt als Ballade und endet in einer geradezu hinternkickenden House-Strecke mit kompetent hineingebimmelten Kuhglockenbeats.

Das ist toll. Noch toller ist aber, wie sich James Blake all diese Stile und Traditionen anzuverwandeln versteht, ohne dass sie seine Musik zu zerreißen vermögen oder beliebig erscheinen lassen: Zwischen der weiten Welt der Einflüsse und Inspirationen und seinem allerprivatesten Kosmos gibt es hier keinen Widerspruch mehr. Gerade darin führt er das Thema seines Debütalbums fort: „James Blake“ fragte ja nach der musikalischen Subjektivität  unter den Bedingungen der digitalen Revolution. So konsequent machte er damals seine Stimme mit allen nur denkbaren technischen Mitteln zum musikalischen Material , dass man schließlich  nicht mehr zu unterscheiden vermochte, wo die Grenze zwischen ihr und den Maschinen verlief, zwischen dem Ich und der Apparatur.

Auch „Overgrown“ handelt von Subjektivität und vom Ich. Bloß hat dieses Ich nun das Spiegelstadium verlassen und ist sich seiner eigenen Voraussetzungen, seiner Endlichkeit und Vergänglichkeit innegeworden; unablässig wird es sich selber fremd und verwandelt sich Anderes zu Eigenem an. Wie auf dem Debüt, wird wieder zarter Gesang gegen schroffe Geräusche gesetzt. Doch sind dies nun keine schweren Bässe oder alles niederwalzenden Störtöne mehr, sondern gleichermaßen schrille wie seltsam gedämpfte Sirenenklänge: Sie wehen von ferne herbei wie eine Erinnerung, von der  man nicht weiß, ob sie die eigene ist. Dazu singt Blake  wieder mit seiner hellen, falsettierenden Stimme; aber manchmal singt er nun auch  mit einem schweren, geradezu gospelartig geerdetem Timbre wie in einer Kirche.

Er singt von Stillstand und Aufbruch, vom pflanzenhafter Passivität und von Gefühlen, die einen verändern und vorantreiben – wie in „Retrograde“, der ersten Single. Darin singt Blake von der Liebe zu einem Mädchen, die ihn ereilte wie ein Schlag.  In dem Video  dazu klettert er als Astronaut aus einem brennend niedergegangenen Schiff und stapft in einem luftdichten Anzug durch das eingefrorene Bild eines heiteren Festes. Er betrachtet ein Paar, das im Moment eines innigen Tanzes erstarrte. Er könnte ein Zeitreisender, dies  könnte der Moment vor seiner eigenen Zeugung sein.

James Blake reist in die Vergangenheit, aber nicht um Vergangenes neu zu beleben, sondern um sich selber zu finden, seine eigene Geschichte, seine Wurzeln: den Grund seines Daseins als Künstler. Auf seinem ersten Album zeigte er sich als Ingenieur des Ichs, als ein Narziss des elektronischen Lieds.  Auf „Overgrown“ hat er sich von allem Narzissmus durch die Reise ins Fremde entledigt. Er lebt nun in einer zeitlichen Schlaufe, die ihn gleichermaßen gefangen hält wie sie Sehnsucht entfacht und Freiheit erlaubt. „Overgrown“ ist ein großes, ergreifendes Werk. Die Musik von James Blake wird uns noch lange ein Maßstab sein.

James Blake: Overgrown  (Universal)

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