Wenn die Missionarsorgel schnauft

Andrea Schroeder musizierte im Frannz-Club

Oft fragen die Leute mich nach meinen Konzerten“, sagt Andrea Schroeder kurz vor dem Ende ihres Berliner Auftritts, „warum ich beim Singen immer an meiner Handtasche herumfummeln muss und sie dauernd auf und zu klappe. Die haben den ganzen Abend dann gar nicht bemerkt, dass  beim Auf- und Zuklappen Töne aus der Handtasche kommen.“ Tatsächlich handelt es sich bei der Handtasche von Andrea Schroeder um ein indisches Harmonium, dass sie beim Singen in graziler, aber keinen Widerspruch duldender Weise zusammenquetscht und wieder dehnt; es begleitet sie freundlich stöhnend und schnaufend durch ihre düsteren Lieder. Weil britische Missionare einst das indische Harmonium nach Indien brachten, wird es übrigens bis heute auch gerne als Missionarsorgel bezeichnet!

Am Freitagabend hat Andrea Schroeder im Frannz-Club mit ihrer Missionarsorgel und ihrer dreiköpfigen Band ein kurzes und schönes, angemessen spätwinterlich melancholisches Konzert gegeben. Mit dunkelbunt funkelnder Stimme trug sie die Lieder ihres Debütalbums „Blackbird“ vor; diese Lieder tragen zum Beispiel Titel wie „Death Is Waiting“, „Ghost Ship“ und „Kälte“. Ein gewisser Hang zur dunklen Seite des Lebens lässt sich in der Musik von Andrea Schroeder nicht leugnen, und auch der „Blackbird“ – die Amsel – tiriliert  im titelgebenden Lied nicht lockend den Frühling herbei, sondern kündet von „blutroten Rosen in stiller Nacht“ und dem „Bösen in der Tiefe unseres menschlichen Lebens“.

Andrea Schroeder kommt aus dem dicht besiedelten Berliner Bezirk Wedding; ihre Musik klingt indes eher so, als sei sie  in einer ganz menschenleeren Wüstenei aufgenommen. Sie lässt sich von einem Bassisten, einem Stehschlagzeuger und ihrem Arrangeur Jesper Lehmkuhl an der Gitarre begleiten und sieht in ihrem schwarz befederten Puschelpullover wie ein sehr schöner, aber sehr trauriger Nachtvogel aus. Es gibt Blues- und Country-Anklänge in ihrer Musik, doch findet man kaum klassische Song-Muster darin. Wesentlich lebt sie von der Repetition; ihre Intensität schöpft sie aus der langsamen Steigerung und leidenschaftlichen Versagung gegen jede Art von refrainhaftem Abschluss.

Der gelegentlich kantig-germanisierende Akzent und das schnaufende Harmonium erinnern natürlich an Nico, doch ohne deren kalte Komplettverzweiflung nachzuempfinden. Noch in den dunkelsten Momenten dieser sehr dunklen Musik spendet Andrea Schroeder mit ihrem gurrend  erregenden Timbre ein Leuchten, das hoffen lässt. Dass ihre Traurigkeit nie in den Weltekel stürzt, ist andererseits auch schon die einzige Erlösung, die sie ihren Hörern gewährt. Als Zugabe singt sie eine verschleppte, umflorte und doch sehr tapfere Version von  Bowies „Heroes“. Danach läuft man gern einsam durch die stillen Straßen im Prenzlauer Berg und betrachtet den nicht endenden Spätwintergraupel beim Beschmutzen der Bürgersteige.

Post to Twitter

Ein Gedanke zu “Wenn die Missionarsorgel schnauft

  1. … und nach Nico gab es noch Kendra Smith, ebenfalls begnadet an der tönenden Handtasche. Leider hat sie ihren letzten Albumtitel wahr gemacht (Five Ways Of Disappearing), man hört nüscht mehr von ihr.