Zwischen den Zwischenansagen

Endlich Frühling? Wer weiß. Bereits am vergangenen Donnerstag ist in Berlin jedenfalls die Open-Air-Konzert-Saison eröffnet worden, unbeirrt von dem Umstand, dass zu diesem Zeitpunkt noch frostige Temperaturen herrschten, Schneeflocken fielen und widrige Winde wehten. Im geräumigen  Innenhof des Michelberger Hotels an der Warschauer Straße gab die allseits beliebte New Yorker Indierockgruppe The National ein Konzert für ein paar hundert geladene Gäste. Erstmals wurden bei dieser Gelegenheit die Songs aus dem neuen The-National-Album „Trouble Will Find Me“ vorgestellt. Es handelte sich um schöne melancholische Songs,  die The-National-Sänger Matt Berninger mit barmender Baritonstimme und einem stets gut gefüllten Glas Wein in der Hand zu   Gehör brachte; rhythmisch grundiert wurde seine Musik von den klappernden Zähnen des frierenden Publikums sowie synkopisch ineinander verzahnten Nies- und Hustenanfällen. Für die Band hatte man eine überdachte Bühne errichtet, auf der Heizpilze eine wohlige Wärme verströmten. Die Konzertbesucher hingegen drängten sich unbeheizt unter dem freien Himmel oder an den Rändern des Hofs, wo Bierstände, Wurst- und Schnitzelbrot-Buden mit ihren leicht vorstehenden Dächern ein trügerisches Schutzversprechen abgaben. Wer sich, wie der Verfasser dieser Kolumne, unter ein Wurstbudendach drückte, wurde von oben sogleich mit dicken Tropfen beschmutzt, die manchmal aus Schneegerinseln bestanden, manchmal auch aus erst kondensiertem, sodann gefrorenem und nun sogleich wieder tauendem Bratwurstfett. Das neue Album von The National erscheint am 24. Mai; am 4. November tritt die Band in der Max-Schmeling-Halle auf. Dann ist übrigens schon wieder Herbst.

Besser beheizt und durchweg überdacht war dann das Konzert, das die aus Hannover stammende Schlager-Pop-Sängerin Lena Meyer-Landrut vor ein paar hundert zahlenden Gästen am Montag im Postbahnhof gab. Anders als The National, vermag Meyer-Landrut zwar keine großen Konzerthallen zu füllen, und ihre Songs sind nicht so gut. Dennoch gab es auch an ihrem Auftritt interessante Aspekte. Am interessantesten fand ich die Stille, die vor dem Beginn der Veranstaltung herrschte. Kein DJ legte auf, nur direkt vor der Bühne war ein wenig Gedudel in Flüsterlautstärke zu hören. Das Publikum, das zu wesentlichen Teilen aus Eltern und ihren Kindern bestand,  schwieg sich geflissentlich an, nur gelegentlich waren innerfamiliäre Zurechtweisungen zu hören – „wenn Du jetzt nicht aufhörst, gehen wir wieder nach Hause“ – oder scheiternde Versuche zur Gesprächsanbahnung. Neben mir versuchte beispielsweise ein Vater vergeblich, mit seiner knapp vor der Pubertät stehenden Tochter Leidenschaft und Begeisterung zu teilen: „Dein erstes Konzert heute! Ganz schon aufregend, oder?“ Achselzucken. „Ja-ja.“
In den folgenden zwei Stunden spielte  Lena Meyer-Landrut sich dann durch ihr aktuelles Album „Stardust“ und einige ältere Lieder. Gefügigen Formatradio-Pop verbindet sie mit gelegentlichen Country-Anklängen; würde sie ihr Instrumentarium wenigstens im Konzert durch eine Steel-Gitarre und ein Hackbrett ergänzen, könnte ihre Musik einen noch flotteren Anschein erwecken. In einem reizvollen Kontrast zu der Ereignislosigkeit ihrer Lieder steht indes das hyperaktive Verhalten Lena Meyer-Landruts bei den Zwischenansagen. Fast hat man das  Gefühl, dass sie sich bei ihnen auf der Bühne weit wohler fühlt als zwischen den Zwischenansagen. Ihren bislang größten, aus dem Eurovision Song Contest bekannten Hit „Satellite“ durchhastet sie kurz vor Ende des Auftritts in betont liebloser Weise, was man als Verweigerung gegen die Publikumserwartungen ansehen kann und mithin als zartes Knospen einer eventuell noch erwachenden künstlerischen Autonomie.

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5 Gedanken zu “Zwischen den Zwischenansagen

  1. Autsch, das ist aber mau und lau : „Es handelte sich um schöne melancholische Songs, die The-National-Sänger Matt Berninger mit barmender Baritonstimme …“ Der einzige Satz mit Aussagekraft zur künstlerischen Darbietung. In der Schule hätte unter diesem Text gestanden: Thema verfehlt. 6, oder ganz damals 5. Na ja …

  2. Da mein Herz in Berlin schlägt, mein Körper sich aber (noch) nicht von meinem jetzigen Aufenthaltsort lösen kann oder will bin ich dankbar für diesen Blog. Hier habe ich u.a. die Möglichkeit den „Frühlingsbeginn“ von Berlin mitzuerleben.
    … und gut, dass ich keine Schule mehr habe.

  3. hola.
    da ich nicht weiss, ob die euphorischste John Grant-Besprechung hier auftauchen wird: höchsteuphorisch…aber das kann ich vollends nachvollziehen. tolle musik, die einem tief kapilliert. und weil die sich gleichen in habitus, aussehen und musikalität.. hier der link zum man from the south: http://manfromthesouth.bandcamp.com/
    …und ein paar betrachtungen dazu http://powermetal.de/review/review-Man_From_The_South/Koblenz,22074,21938.html
    bleibt nur zu sagen: weiter so… bestes wünscht mattes