Kammersänger des Masochismus

Der schönste Schmerzensmann der Saison: John Grant und sein abgründiges Album „Pale Green Ghosts“

Am Ende dieses dunklen, oft finsteren Abends geht dann doch noch die Sonne auf. Strahlend erhebt sie sich über glitzernden Gletschern, wirft ihr Licht auf dramatisch sich ins Land kerbende Flüsse, über eine herrliche, bis zum Horizont reichende Weite aus Eis, Wasser, Steinen und Schmerz.  „Dieser Schmerz“, singt der schöne kräftige Mann  mit dem sehr weichen Bart und der karamellfarbenen Stimme zu schwelgenden Streichern und einem jubilierenden Klavier, „ist wie ein Gletscher, der sich durch Dich hindurch bewegt / er gräbt tiefe Täler in Dich hinein / und erschafft spektakuläre Landschaften / und nährt die Erde / mit kostbaren Mineralien und Stoffen.“

So euphorisch kann man über eine Depression singen; so schön und so strahlend hört es sich an, wenn John Grant von seinem zerklüfteten und zerrütteten Gefühlsleben kündet. Seine verwundete Psyche, seinen Hass auf die Welt, seinen Ekel vor den Menschen und seine Scham über sich selber kleidet er in die schönsten Klänge, die man sich vorstellen kann. John Grant ist ein Kammersänger des Masochismus, wie man neben ihm derzeit  keinen zweiten findet.

Am Dienstag hat er im Babylon Kino sein neues Album „Pale Green Ghosts“ vorgestellt: mit einer fünfköpfigen Band, mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, Drumcomputer und einem elektrischen Piano; aber auch mit diversen Tasteninstrumenten, die Störgeräusche erzeugen, und einer ganzen Batterie aus stimmverfremdenden Effektpedalen. Wie ein tapsender Bär bewegt sich Grant unentwegt zwischen all diesen Geräten und seinen Mitmusikern umher, wechselt vom Mikrofon zu den Keyboards und wieder zurück und wirkt dabei gleichermaßen kraftvoll wie unbeholfen, bedrohlich wie niedlich. Man wartet jeden Moment darauf, dass irgendetwas aus ihm hervorbricht, dass der mühsam durch Schönheit gebannte Schmerz sich in Gewalt und Schrecken verwandelt. Man möchte ihn in den Arm nehmen, um ihn zu trösten, aber muss doch auch fürchten, dass er einen dann beißt oder schlägt.

John Grant ist nicht mehr der Allerjüngste: „Ich schäme mich, weil ich mich immer noch nicht selber kenne“, singt er in einem von seinen neuen Songs, „dabei bin ich schon 43!“ Zwanzig Jahre ist es her, dass er seine Karriere im heimischen Denver in der Folkrockgruppe The Czars begann; mit ihr nahm er bis 2004 sechs mittelmäßig interessante Alben auf. Sein wahres Talent konnte er erst ohne die Band entfalten, von der Grant sich – natürlich – in einem hasserfüllten Streit trennte. Sein Solodebüt „Queen of Denmark“ spielte er  2011 mit dem texanischen Folk-Ensemble Midlake ein.  Schon das  war eine düstere, von Sarkasmus geprägte Platte: Unter dem Titel „JC Hates Faggots“ –  Jesus Christus hasst Schwuchteln – sang Grant etwa über sein Coming Out und die Widrigkeiten, die man als Schwuler im Mittleren Westen gewärtigen muss.

Das neue Album übernimmt diesen sarkastischen Ton. Doch übersetzt es ihn – das ist das Tolle daran – aus der Folkmusik in einen doppelbödigen elektronischen Pop. Schon als Jugendlicher, erzählt er mir im Gespräch über die Platte, habe er Industrial und frühen Techno geliebt; zu seinen Lieblingsgruppen gehörten – neben Abba, natürlich!  – Cabaret Voltaire und Throbbing Gristle. Auch bei  den Czars hätte er gern elektronische Instrumente benutzt, doch habe seine Mitmusiker das nicht interessiert. Und er selbst sei damals ein strammer Alkoholiker gewesen und darum zu oft zu besoffen, um sich mit seinen Ideen durchzusetzen.

Inzwischen ist er auch noch HIV-positiv: Davon handelt das erste rein elektronische Stück, mit dem Grant vor einem Jahr an die Öffentlichkeit trat. „I Try To Talk To You“ hat er mit der queeren Disco-House-Truppe Hercules and Love Affair aufgenommen; zu einem heiteren Groove und einer kickenden Kuhglocken-Percussion beschimpft er sich selbst für die Dummheit ungeschützten Geschlechtsverkehrs.

Auch in den neuen Songs bedrängt er seine Hörer mit einer nicht endenden Folge von Bekenntnissen und Selbstkasteiungen. In dem Stück „Ernest Borgnine“ singt er noch einmal von seinem Coming Out und bittet den gleichnamigen Schauspieler um Rat – einen bekennenden Homophoben. Das sei, findet Grant im Gespräch, doch ein schönes Bild für den„typisch schwulen Selbsthass“, an dem er leidet.

Das Album hat er dann nicht mit Hercules and Love Affair aufgenommen, sondern in Reykjavik mit Biggi Veira von der isländischen Elektrogruppe Gus Gus. Der befreiende Groove der House-Musik ist dabei geraden, manchmal Dub-haft verhallten Beats gewichen: wie etwa im Titelstück „Pale Green Ghosts“, in dem Grant von nächtlichen Autofahrten durch die Wüste von Colorado singt. Im dazugehörigen   Video schaufelt er sich in dieser Wüste ein Grab und blickt am Ende von drunten in den Himmel hinauf. In „Vietnam“ beschreibt er die Zurückweisung durch einen geliebten Mann in Bildern von chemischer Kriegsführung. In „Why Don’t You Love Me Anymore“ singt Grant mit dem ganzen Schmelz eines Radio-Pop-erprobten Balladensängers und fitzelt dabei doch mit Fußpedalen unentwegt  Unreinheiten in seinen Gesang, roboterhaftes Vocoderschnarren oder einen leicht unter der Melodie mitlaufenden Sound, der klingt, als ob die Stimme noch einmal aus einem verröchelnden Röhrenradio dazugespielt wird.

So zieht John Grant seine Hörer immer wieder ganz nah zu sich heran und weist sie zugleich wieder zurück. In faszinierender Weise wechselt er zwischen Wahrhaftigkeit und technoider Verfremdung. Kurz vor Schluss singt er ein Lied über seine Heimatstadt in Colorado, „I Hate This Fucking Town“, zu einem schunkelnden Walzer-Rhythmus. Seine Band scheint sich dazu plötzlich in die Festkapelle des verhassten Wüstendorfs verwandelt zu haben; und als John Grant seine Zuhörer zum rhythmischen Klatschen auffordert, stimmen auch sie freudig ein – aus Liebe zu ihm übernehmen sie die Rolle  von Menschen, die er verachtet. Willig  macht das Publikum sich zum Bestandteil der Grant’schen Psychosen-Ästhetik, ein denkwürdiger, schöner, in seiner nun alles unterwühlenden Abgründigkeit aber auch ziemlich unheimlicher Moment.

Being John Grant: Für einen Moment befindet man sich wirklich mitten im Wahn und im Herz dieses Künstlers. Man möchte sofort fliehen. Und doch  für immer bleiben. Bei ihm.

John Grant: Pale Green Ghosts
(Bella Union/Cooperative)

Post to Twitter

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.