Paradoxien der Post-Erotik

Die weltberühmte Sängerin Lana Del Rey gab vor einem begeisterten Publikum im Velodrom ein bemerkenswertes Konzert

Zu einem von vielen Menschen mit Spannung erwarteten musikalischen Ereignis  ist es am Montagabend im Velodrom in Friedrichshain gekommen. Vor ausverkauftem Haus gab die weltweit gefeierte Sängerin Lana Del Rey das erste große Berlin-Konzert seit der Veröffentlichung ihres Debütalbums „Born To Die“; anderthalb Stunden lang spielte sie sich durch ihr vollständiges Repertoire sowie einige Cover-Versionen unter anderem von Bob Dylan und Nirvana. Bevor das Konzert begann, hielt Lana Del Rey es für eine gute Idee, ihr Publikum mit disharmonisch nervenzerfetzenden sowie überdies spitz ausgesteuerten Streichquartettkompositionen aus der New Yorker Nachkriegsavantgarde zu beschallen, wodurch schon nach kurzer Zeit eine aufgeweckte, man könnte auch sagen: adrenalingesteuerte Stimmung entstand. Erwachsene Menschen buhten und schrien, Kinder weinten: ein interessanter Kontrast zu den kalkuliert schläfrig wirkenden  Liedern, die den Rest des  Abends dann beherrschen sollten.

Als das Konzert schließlich beginnt, erscheint Lana Del Rey in einer Mischung aus Umstands- und Babydoll-Kleid und sieht damit wie Jacqueline Kennedy zu Beginn einer Schwangerschaft aus; ihre drei Mitmusiker wirken hingegen mit ihren Jeans-Hemden und beutligen Hosen so, als seien sie gerade bei einem örtlichen Rock-und-Pop-Zeitarbeitsservice gemietet worden. Die Bühne wird von einem überdimensionierten dreiteiligen Schminkspiegel beherrscht, auf den gelegentlich die bekannten Videoclips von Lana Del Rey projiziert werden. Zu beiden Seiten stehen zwei Löwenstatuen aus Gips, wie sie vor allem in China-Restaurants westdeutscher Fußgängerzonen anzutreffen sind. Gelegentlich streichelt Lana Del Rey dem rechten Löwen mit geschlossenen Augen die brüllende Schnauze – wie sie ihre Lieder auch ansonsten am liebsten mit gesenkten Lidern darbietet, wodurch ihre langen Wimpern-Applikationen zu guter Geltung gelangen. Passend dazu pflegt sie sich, unabhängig von der Geschwindigkeit der sie umgebenden Musik,  auf ihren sehr flachen Schuhen in sonderbar steifer, langsamer Weise über die Bühne zu bewegen. Ich wäre durchaus gewillt, das als originelle Inszenierung lasziver Post-Erotik zu werten. Meine Begleiterin findet hingegen, dass es so aussieht, als würde Lana Del Rey bald eine Gehhilfe brauchen, einen Rollator oder wenigstens einen guten orthopädischen Rat. Hier sieht man wieder einmal, wie der männliche und der weibliche Blick sich voneinander zu unterscheiden vermögen, insbesondere in Fragen der Inszenierung weiblicher Sexualität.

Gegen meinen Eindruck spricht allerdings auch die Weise, in der Lana Del Rey nach der Hälfte des Abends einen Klassiker des lasziven Pop, das Lied „Blue Velvet“, in kalkuliert gefühlloser Weise zersingt.

Zur Darbietung ihrer eigenen Komposition „Ride“ wird der entsprechende Videoclip eingespielt, in dem Lana Del Rey das ihrer Ansicht nach freie Leben motorradfahrender Männergemeinschaften wie etwa der Hells Angels verherrlicht; bei einer Gruppenfahrt durch die Wüste hält sie ihr Haar in den Wind – natürlich auf dem Rücksitz, denn Frauen, wie sie von Lana Del Rey in idealtypischer Weise verkörpert werden, haben keinen Motorradführerschein. Sie haben auch keinen Beruf und kein eigenes Konto. Dafür vermag Lana Del Rey im Konzert mehrfach in der Kernkompetenz der modernen Hausfrau zu glänzen: dem Multitasking. Das erste Stück „Cola“ und das letzte Stück „National Anthem“ singt sie inklusive der hier zu bewältigenden komplexen Jodeleinsätze und  Triller, während sie zugleich im Bühnengraben Bärchen und Herzen von ihren Hörern und Hörerinnen entgegennimmt und außerdem unermüdlich Autogramme auf Eintrittskarten schreibt. Nachdem sie zu Beginn des Abends noch einen distanzierten und angestrengten Eindruck erweckt, fällt die Anspannung im letzten Drittel sichtlich von ihr. Selten sieht man Künstlerinnen, die sich so sehr auf das Ende ihres Konzerts freuen wie Lana Del Rey.

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