Hirschgeweih und Harnkanal

Rammstein, Dagobert, Coco Rosie: einige Eindrücke von den Konzertveranstaltungen  des Wochenendes

Zu drei interessanten Konzerten, die sich in unterschiedlicher Art mit der De- oder auch Rekonstruktion überkommener Geschlechtsidentitäten befassen, ist es am Wochenende in Berlin gekommen. Es spielten die Cross-Dressing-Gruppen Rammstein und Coco Rosie sowie der postironische Schlagersänger Dagobert; Anlass genug für eine kleine Reise durch die Konzertsäle und Freilichtbühnen der Stadt.

Freitag, 22 Uhr, Neukölln, Huxleys

Das musikalische Wochenende beginnt am Freitagabend im Huxleys an der Hasenheide; hier stellt das amerikanische Duo Coco Rosie sein neues Album „Tales of a Grass Widow“ vor, das sich mit dem Zusammenhang zwischen patriarchalen Herrschaftsstrukturen und der globalen Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen befasst. Bianca Casady trägt dazu ein mit kleinen Glühbirnen illuminiertes Geweih, wodurch sie wahlweise an einen Weihnachtsbaum oder eine Hirschkuh erinnert. Sierra Casady hat sich in einen leichten schwarzen Mantel gekleidet, unter dem eine Strumpfhose mit Urtierchenmuster hervorguckt; außerdem hat sie sich den linken oberen Eckzahn schwarz gefärbt, so dass es von weitem aussieht, als ob sie eine Zahnlücke habe. Begleitet werden die beiden Sängerinnen von zwei Tastengerätebedienern sowie von einem Bassisten und einem Beatboxer, der  sämtliche Rhythmusbegleitung ins Mikrofon schnauft und rülpst – herrlich, wie der elegische Gesang der Casadys über seinen stotternden Beats schwebt.

Mit ihrer Musik, aber besonders auch mit ihrem Faible für aufgemalte Schnurrbärte haben Coco Rosie sich eine treue Anhängerschaft erworben. In den ersten Reihen vor der Bühne stehen fast ausschließlich zufrieden wirkende lesbische Pärchen mit aufgemalten Schnurrbärten und knutschen; wenn es einen idealtypischen Knutschlesbenpop gilt, dann ist es zweifellos jener von Coco Rosie. Gut gefallen hat mir auch der Anblick des muskulösen Securitymannes direkt vor der Bühne: Er blickt angesichts der um ihn herum knutschenden Frauen abwechselnd beschämt zur Seite oder schüttelt betreten den Kopf.

Auch Bianca und Sierra Casady wirken eigentlich wie ein zufriedenes lesbisches Pärchen. Der Legende nach sind sie freilich Schwestern, die als Kinder voneinander getrennt wurden und erst im Alter von über 20 Jahren durch Zufall in einer Badewanne in Paris wieder aufeinander trafen. Diese Geschichte kam mir allerdings schon immer unglaubwürdig vor. Vielleicht ist sie nur vorgeschoben? Oder sind  in Wahrheit die Casadys sowohl Schwestern wie auch ein lesbisches Pärchen? Und falls ja, handelt es sich dann um eine Inzestbeziehung? Oder ist das bei Lesben egal?

Freitag, 23.30 Uhr, Ritter Butzke

Mit solchen Fragen im Kopf eilen wir aus dem Huxleys zum wenige Minuten entfernten Kreuzberger Club Ritter Butzke, wo der gegenwärtig vielgefeierte postironische Schweizer Schlagersänger Dagobert sein Debütalbum „Dagobert“ vorstellt. Wir kommen gerade rechtzeitig zu den letzten Stücken und der Zugabe. Dagobert steht allein auf der Bühne und singt zu einem Schlager-Karaoke-Playback Texte wie „Ich will ein Kind von Dir / Du bist zu schön um auszusterben / lass Deine Kinder Deine Schönheit erben“. Dazu trägt er ein weißes Vatermörderhemd mit einer locker darum gebundenen Schleife und eine Gelfrisur, wodurch er wie eine Mischung aus Rocko Schamoni und Falco aussieht.

Dagoberts Debütalbum ist bei Buback Tonträger erschienen, dem Label der linksradikalen Diskursrockgruppe Die Goldenen Zitronen; weitere Stücke, die auf dem Album zu finden sind, tragen Titel wie „Hochzeit“, „In unserem Garten“ und „Die ganz normale Liebe“. Das Ritter Butzke ist ausverkauft. Knutschende Lesben sind im Publikum nicht zu sehen, jedoch zahlreiche heterosexuelle Hipsterpärchen, die sich eng umschlungen halten. Seine Anhänger schätzen Dagobert für die unverstellte Ehrlichkeit seiner romantischen Songs und das Lob konservativer Lebensmodelle; es stört sie dabei auch nicht, dass er nicht singen kann und der Rest der Musik ebenfalls fürchterlich ist.

Sonnabend, 20.45 Uhr,  Wuhlheide

Gibt es eigentlich auch Lesben, die Rammstein mögen? Falls ja, würde ich sie gerne mal kennenlernen. Schreiben Sie mir! Am Sonnabend haben die sechs sympathischen Superstars aus Ost-Berlin jedenfalls das zweite von zwei ausverkauften Konzerten in der Freilichtbühne Wuhlheide gegeben. Zum ersten Stück „Ich tu dir weh“ schwebt Rammstein-Sänger Till Lindemann in einer pinkfarbenen Puschelpelzjacke vom Bühnenhimmel herunter, wodurch er wie der große Vogel Bibo aus der Sesamstraße aussieht, der in einen Farbtopf mit Barbiepuppen-Make-Up gefallen ist und nun ausgiebig die Gelegenheit nutzt, seine Neigung zu sadomasochistischem Sex zu bekunden („Bei Dir hab ich die Qual der Wahl / Stacheldraht im Harnkanal“). Später wird Till Lindemann noch aus einer an seinem Steißbein angebrachten Düse pinkfarbene Nebelschwaden herauspupsen, was man wie die Puschelpelzjacke als Inszenierung verweiblichter Männlichkeit ansehen kann, also gewissermaßen als Gegenstück zu den aufgemalten  Schnurrbärten von Coco Rosie. Andererseits schraubt Lindemann sich sein Mikrofon auch immer wieder gerne an eine Gewindevorrichtung im Lendenbereich, aus welcher es dann wie ein Penis absteht; dadurch wird der Verweiblichungseindruck wieder stark relativiert.

Unaufhörlich strömt dazu starker Regen auf die Zuschauer; das absurd schlechte Wetter passt hervorragend zu der Musik. Auch zu Rammstein sind viele Pärchen gekommen. Doch knutschen sie nicht. Meist stehen die Männer einen Schritt vor den Frauen und schreien wild gestikulierend der Band ihre Texte entgegen, während die Frauen hinter dem Rücken der Männer allein mit den Füßen wippen und leicht die Hüften bewegen.

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