Schmutzige Mädchen schieben Kinderwagen über die Bühne

Beyoncé sang und tanzte in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof

Am Donnerstagabend hat Beyoncé Knowles, einer der größten Pop-Superstars der westlichen Welt, das erste von zwei ausverkauften Konzerten in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof gegeben. Vor 12500 begeisterten Hörern spielte sie sich durch ihre größten Erfolge wie „Crazy in Love“ und „Single Ladies“. Einen Schwerpunkt des Auftritts bildeten die Songs aus ihrem aktuellen Album „4“, in dem Beyoncé die Vorzüge lang anhaltender Liebesbeziehungen sowie ehelicher Treue besingt. Auf dem Cover der Platte posiert sie als Steinzeitfrau mit fettigen Haaren und einer Pelzweste. Das Berliner Publikum bekommt sie hingegen zunächst in einem Videofilm als Rokokoprinzessin mit gepudertem Gesicht und tanzenden Vasallen zu sehen; als erstes Stück des Abends bietet sie, während um sie herum allerlei explodiert, „Run the World (Girls)“ dar. Begleitet wird Beyoncé von acht Tänzerinnen, zwei Tänzern und einer elfköpfigen Band an allen möglichen Instrumenten. Freilich ist der Sound in der Halle derart, dass man meist nur den Gesang und das Schlagzeug identifiziert.

Doch egal, denn es gibt viel zu sehen, insbesondere die stetig wechselnden Kostüme der Künstlerin. Zur Darbietung des Lieds „If I Were a Boy“ erscheint sie beispielsweise in einem schwarzen Dominamieder mit einer Schirmmütze, an welche kleine Bärchenohren appliziert wurden: Beyoncé, der niedliche Beherrscherbär. Aber auch die Entfachung sexuellen Begehrens spielt eine Rolle. Vor dem Stück „Naughty Girl“ wird ein Film eingespielt, in dem Beyoncé in schwarzer Unterwäsche auf einem Stuhl sitzt und eine Zigarre raucht; drunten auf der Bühne winken hinter zwei Paravents lockend Hände und Knie hervor. Bei „Party“ wird der Saal gar in Rotlicht getaucht. Und während Beyoncé sich beim Singen von ihren Tänzerinnen mit kitzligen Federbüscheln umpuscheln lässt, ist über ihrem Kopf immer wieder derselbe Animationsfilm zu sehen, in dem an zwei langen Frauenbeinen sich wie von Zauberhand die Strümpfe selbsttätig herunterkrempeln, bis die Beine ganz nackt sind: ein Erotikverständnis, das an Fernsehballettchoreografien der Siebzigerjahre erinnert. Eher an moderne Großraumdiskotheken in ländlichen Regionen erinnert hingegen das Outfit, das Beyoncé zu dem Stück „ICare“ präsentiert; hier kombiniert sie ein knappes Lackledermäntelchen mit kurz bis unter den Schritt reichenden Lacklederstiefeln.

Auch das Publikum ist bald völlig enthemmt. Viele schreien, manche tanzen, die Zuschauerin schräg hinter mir legt ihre in Plateaustiefeln steckenden Beine über die Lehne meines freien Nachbarsitzes, so dass ihre klobigen Absätze nun direkt neben meiner Wange rhythmisch den Takt in die Luft stoßen. Während ich mich noch mit dieser Situation zu arrangieren versuche, hat Beyoncé sich schon wieder umgezogen. „Why Don’t You Love Me“ singt sie in einem Kleid aus schwarzen flitternden Fransen, dazu wird ein Videoclip aufgeführt, in dem sie als grell geschminkte Pilotin eines Propellerflugzeugs an dessen Reparatur schmählich scheitert.

Je länger der Abend dauert, desto rätselhafter erscheint die Inszenierung des musikalischen Geschehens. Zu dem kurz vor Ende dargebotenen neuen Stück „Grown Woman“ – „ich bin eine erwachsene Frau und tue, was ich will“ – schieben die Tänzerinnen zwei Kinderwagen aus teurem Bast über die Bühne, während die Sängerin im Videoclip obendrüber auf allen Vieren in einem Leopardenkostüm hin und her krabbelt. Nachdem sie ein Bild ihrer einjährigen Tochter eingeblendet hat, beschließt Beyoncé den Hauptteil des Abends mit einem Nachruf auf sich selbst: Wenn sie die Erde nun verlassen muss, sagt sie, wird sie dies ohne Bedauern tun. An ihre bezaubernden Bärchenohren werden wir uns noch lang gern erinnern.

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